Zwei Stiegen Quitten. Einfach so, geschenkt, weil jemand nicht wusste wohin damit. Sie standen in meiner Küche und dufteten, und ich stand davor und dachte: Ihr geht mir nicht in die Biotonne. Keine einzige von euch.Das ist der Moment, in dem bei mir etwas anspringt. Nicht Pflicht, nicht schlechtes Gewissen, eher so eine leise Freude, ein Kribbeln: Was kann ich aus euch alles herausholen?
Frisch nach meinem 100. Blogartikel mache ich direkt mit Nummer 101 weiter und die passt wie die Faust aufs Auge zu dem, was am Ende auf dich wartet. Dieser 101te Artikel ist mein Beitrag gleich zu zwei Blogparaden, die für mich zusammengehören wie Brennnessel und Quiche: Anke Cras fragt, was Wertschätzung von Lebensmitteln für dich bedeutet, und Hannah Burkhardt möchte wissen, welche nachhaltigen Gewohnheiten du wirklich durchhältst. Und weil meine Antwort auf beide dieselbe ist, bekommst du sie hier in einem.
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Meine nachhaltigste Gewohnheit? Aus allem etwas machen
Viele nachhaltige Vorsätze fühlen sich an wie ein zu enges Korsett. Man nimmt sich was vor, hält drei Wochen durch und dann? Schön wär’s. So geht es mir zumindest mit Neujahrsvorsätzen. Noch dazu war mein erster Fail in diesem Jahr, mir Quartalsziele für das erste Quartal 2026 zu setzen. Es hieß zwar, das ist eine to-want-Liste, kein to-do. Aber so fühlte es sich für mich nicht an. Also wird es wohl bei diesem einen Mal bleiben. Bei mir ist es anders herum. Ich will mich zu nichts zwingen, im Gegenteil. Ich mache manche Dinge am liebsten, weil ich es kann. Dann „kann“ ich gar nicht anders. Wenn mir die Fülle in die Hände fällt, ob auf einem Streifzug gefunden oder von anderen geschenkt, dann will ich so viel wie möglich daraus machen, weil ich dann auf einmal ganz viele Ideen habe. Und mit allem meine ich wirklich alles, bis zum letzten Rest.
Zwei Stiegen Quitten waren für mich Gold wert
Zurück zu den Quitten. Was daraus wurde? Fast alles:
- getrocknete Schalen für Tee
- Hautöl aus einem Teil der Schalen
- aromatisierter Essig aus Kerngehäusen und Schalen
- Saft aus den Spalten, daraus Gelee
- Mus aus dem Trester, eingeweckt
- Likör aus dem Trester
- süßsauer eingelegte Stücke, so wie damals die Kürbisse
Zwei Stiegen Quitten, und am Ende blieb fast nichts übrig, das nicht irgendwann noch auf einem Löffel, in einem Glas oder auf der Haut gelandet ist.
Holunder, Schlehen, Mirabellen: Reste bedeuten für mich neue Ideen
Und die Quitten sind kein Einzelfall, sie sind mein Alltag: Holunder wird bei uns entsaftet. Der Saft wird zu Gelee oder bleibt purer Saft für die Schorle und für Omas Holundersuppe. Aus dem Trester ziehe ich Essig und Likör. Genau diese Resteverwertung habe ich in meinem Holunder-Artikel beschrieben und noch mehr davon steckt in meinem Blog der Hall of Fame der Superfoods. Schlehen habe ich letztes Jahr entsaftet, aus dem Saft Gelee, aus dem Trester Likör. Mirabellen entsaftet, das Fruchtmus von den Kernen getrennt für Marmelade – und aus den Kernen falschen Amaretto angesetzt. Aus den Kernen! Wer wirft denn sowas weg. 😉 Selbst meine ausgezogenen Oxymel-Kräuter durften nach getaner Arbeit nochmal ran: Wir haben einen Kräuter-Likör daraus angesetzt, und der wurde wirklich lecker. (Was oxymel ist und wie es wirkt kannst du in meinem Beitrag zum Johanniskraut nachlesen)
Reste sind bei mir nie das Ende. Sie sind meistens der Anfang von etwas Neuem.




Vom Baum, aus dem Garten, vom Onkel
Manchmal kommt die Fülle nicht aus der Natur, sondern durch den Dienstboten-Eingang in die kalte Küche.
Aus geschenktem Wein wird Vorrat für Jahre
Letztes Jahr haben wir von einem Onkel Weinballons voller Wein bekommen. Er sollte sie aufgrund des hohen Zuckergehalts nicht trinken, also haben wir uns bereit erklärt, daraus zumindest noch Essig zu machen. Kurzerhand standen bei uns in der Wohnung zehn Fünf-Liter-Eimer mit Essig herum. Du musst wissen, dass Essige je nach Gär-Grad manchmal echt komisch riechen, z.B. nach Käsefüßen unserer pubertierenden Kinder. Der Nasentest hat aber schnell den wahren Übeltäter entlarvt. Eigentlich ein abschreckendes Beispiel, aber diesen Essig nutzen wir bis heute. Wir würden es also trotz des Müffel-Potenzials immer wieder machen.
Kräuterpaste, Würzöl & Co.: auch Stiele sind zu schade zum Wegwerfen
Kurz vor dem Herbst ernetn wir im Garten meiner Schwiegereltern immer wuchernden Basilikum und die Minze ab. Daraus werden herzhafte Kräuterpasten, aber auch eine süße Kräuterpaste. Das Rezept gab es exklusiv für meine Newsletter-Abonnent/Innen und wandert bald in meinen Mitgliederbereich. Die Paste habe ich schon mehrmals in einem Dessert für Familienfeiern verwendet. Auch dieses Rezept kennen exclusiv nur meine Stammleser und wandert ach demnächst in den Mitgliederbereich.

Und die Basilikumstiele? Die waren mir noch zu schade zum Wegwerfen. Also habe ich ein Würzöl damit aromatisiert. Die Minzstiele kommen in einen Krug mit Wasser und werden dort noch für ein erfrischend minziges infused water verwendet.
Vom Weihnachtsbaum bis zur Ahornfrucht
Sogar der ausgediente Weihnachtsbaum und ein Zufallsfund voller Ahornfrüchte sind bei mir schon zu eigenen Geschichten geworden. Wenn ich einmal genau hinschaue, ist fast überall etwas, aus dem sich etwas machen lässt. (Ideen, wie so ein Weihnachtsfest nachhaltig gestaltet werden kann und was sich aus Fundstücken alles zaubern lässt, sammle ich übrigens auf meinen Pinnwänden „Nachhaltige Feiertage“ und „Natürliche Dekoration“ auf Pinterest.)
Eine Pflanze, zwei Jahreszeiten – ich sammle, was sie mir gerade schenkt
Und es hört nicht bei einer einzigen Ernte auf. Denn dieselbe Pflanze schenkt mir oft zu ganz unterschiedlichen Zeiten ganz unterschiedliche Dinge. Ich muss nur zur richtigen Jahreszeit an der richtigen Stelle sein. Am Beispiel des Hopfens nutze ich im Frühjahr die zarten Spitzen als Hopfenspargel oder knabbere sie einfach als Snack unterwegs. Und im Herbst? Da komme ich wieder und sammle die Dolden. Zwei Besuche, zwei völlig verschiedene Schätze, ein und dieselbe Pflanze. Genauso die Rose. Im Frühjahr sammle ich die Blüten und trockne sie für einen Tee, im Herbst warten schon die Hagebutten auf mich. Nichts davon schließt das andere aus. Im Gegenteil. Es gehört für mich zusammen.
Wertschätzung ist für mich auch, die Fülle einer Pflanze übers ganze Jahr zu denken. Nicht nur das eine Frühjahrs-Highlight abzuernten, sondern zu wissen: Du gibst mir noch mehr, wenn ich dir Zeit lasse.
Was Wertschätzung von Lebensmitteln für mich bedeutet
Für mich bedeutet diese Resteverwertung und die Ausschöpfung des vollen Potenzials von den Gaben, wie die Natur mir bietet ein großer Teil von Wertschätzung von Lebensmitteln. Sich vor Augen zu führen, wie wertvoll die Fülle ist, die uns umgibt. Und dann aus allem etwas zaubern zu können. Das ist es, was mich antreibt. Gelernt habe ich das von meinen Großeltern. Alles was aus Hof und Garten kam wurde möglichst sinnvoll verarbeitet. Ob gerade oder krumm.
Gerettetes Gemüse: krumm, zweite Wahl – trotzdem wertvoll
Das hört auch bei mir nicht am Feldrand auf. Ich nehme gezielt Retter-Tüten aus dem Handel mit und kaufe Boxen mit Zweite-Wahl-Obst und -Gemüse. Denn ich brauche keine geraden Gurken. Ich kann auch aus zu groß geratenen Möhren eine Suppe zaubern. Zu kleine Apfel werden eben entsaftet und zu Mus. Manchmal ist auch etwas dabei, das wir eigentlich nicht so gern essen, Aubergine zum Beispiel. Also haben wir uns etwas einfallen lassen und einen Aufstrich mit besonderen Gewürzen daraus gemacht. Die Ideen gehen und glücklicherweise nie aus. Und das schönste ist doch am Ende aus einem „Ess ich nicht!“ ein „Hm, ist ja eigentlich ganz lecker.“ zumachen.
Reste weiterdenken statt wegwerfen
Essen vom Vortag wird am nächsten Tag gegessen oder gestreckt und zu etwas Neuem. Reste von Familienfeiern werden verteilt, verbraucht, eingefroren, wiederverwendet.
Sogar ein grätiger Fisch wird zum Festmahl
Und dann war da neulich der Blei, den mein Glückkind gefangen hat. Ein äußerst grätiges Tier, ehrlich gesagt. Trotzdem haben wir ihn zubereitet und beim Ausnehmen fielen uns rund 500 Gramm Rogen in die Hände. Daraus haben wir zwei Sorten Kaviar gemacht. Das grätige Fleisch haben wir durchgedreht und zu Fischbuletten verarbeitet. Ein Fisch, den viele achselzuckend zurückwerfen würden. Bei uns wurde er zum kleinen Festmahl.
Und die andere Seite: manchmal ist Wertschätzung genau das Gegenteil
Aber Wertschätzung ist für mich nicht nur, aus allem etwas zu machen. Sie ist manchmal auch, ganz bewusst nichts zu machen. Nicht jeden Trend mitzumachen. Sich zurückzuhalten.
Holunderblüten sparsam ernten – für die Früchte im Spätsommer
Beim Holunder halte ich mich mit den Blüten zurück. So viele schwören auf Holunderblütensirup, ich habe früher selbst Likör und Gelee daraus gemacht. Aber ich lege eben auch Wert auf die Früchte im Spätsommer und wenn unten schon alle Blüten abgeerntet sind, komme ich an die nicht mehr ran. Also sammle ich sparsam und trockne höchstens ein paar Blüten für Tee.
Bärlauch schonen statt plündern
In Potsdam habe ich eine Stelle mit echtem, wildem Bärlauch gefunden. Ein Schatz. Doch bei diesem Fund habe ich auch gesehen, wie auch schon einige Pflanzen niedergetrampelt waren, wie zerrupft alles zurückgelassen wurde. Seitdem war ich nicht wieder dort, um den Bestand zu schonen. Ja, wahrscheinlich bin ich die Einzige, die so denkt und jedes weitere Jahr werden wieder viele an diese Stelle pilgern. Aber mir tut es weh zu sehen, wie rücksichtslos manche mit natürlichen Ressourcen umgehen.
Pilze und Spargel: nur so viel, wie ich verarbeiten kann
Pilze nehme ich nur so viel mit, wie ich auch wirklich verarbeiten kann. Manchmal lasse ich einen Teil stehen oder am Baum und komme nach dem Aufessen einfach nochmal an dieselbe Stelle. Und selbst beim grünen Spargel, dessen unteres, holziges Drittel ich abschneide, ist noch nicht Schluss: Daraus koche ich oft noch eine Spargelsuppe.
Alles verwerten und trotzdem maßvoll ernten ist für mich kein Widerspruch. Es sind zwei Seiten derselben Haltung. Wertschätzung eben.



Damit dir nie die Ideen ausgehen
Vielleicht denkst du jetzt: schön und gut, aber mir fällt bei einem Korb voller Fundstücke oft einfach nichts ein. Kann vorkommen. Genau dafür habe ich meine 101 Verwendungsideen für Wildpflanzen, -früchte und Pilze zusammengestellt. Vier Seiten voller Anregungen, damit dir nie die Ideen ausgehen, was du aus den Schätzen der Natur alles machen kannst. Trag dich einfach unten ein, bestätige kurz deine Anmeldung, und schon flattert dir die ganze Übersicht als PDF ins Postfach. Und weißt du, was mich selbst zum Schmunzeln bringt? Das hier ist ausgerechnet mein 101. Blogartikel. Nach dem großen Hundertsten also direkt die 101 und passenderweise schenke ich dir genau 101 Verwendungsideen für Wildpflanzen, -früchte und Pilze. Zufall? Vielleicht. Ich nehme es mal als Wink. ✨

Lebensmittel nachhaltig wertschätzen: Eine Haltung, keine Pflicht
Meine nachhaltigste Gewohnheit ist keine, die ich mir mühsam angewöhnen musste. Sie ist einfach die Art, wie ich die Welt anschaue: als einen Ort voller Gaben, aus denen sich fast immer noch etwas machen lässt, wenn man nur genau genug hinsieht und mit dem, was man findet, sorgsam umgeht. Deshalb haben wir immer einen Vorrat an Gelierzucker, Spirituosen, Salz und Essig da. Nicht, weil ich Vorratshamsterin bin, sondern weil der nächste Überfluss garantiert kommt. Und wenn er kommt, will ich bereit sein und aus Mangel an Rohstoffen nichts verkommen lassen.
Zwei Stiegen Quitten haben mich nicht überfordert. Sie haben mich beschenkt. Und du? Was hattest du schonmal im Überfluss und hast es nachhaltig so gut wie möglich verwendet? Erzähl es mir, ich bin wirklich neugierig.
Grüne Grüße
Inga
Bilder
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