Warum wir an Weihnachten manchmal wieder fünfzehn sind – und wie wir trotzdem in Verbindung bleiben
Wenn ich an Weihnachten denke, steigt mir zuerst der Duft von Gänsebraten mit Beifuß in die Nase. Meine Mutter und meine Oma haben Beifuß schon auf Spätsommer-Spaziergängen gesammelt, kopfüber getrocknet und an den Feiertagen in die Gans gesteckt. Darüber und andere Kindheitserinnerungen in Verbindung mit Wildpflanzen schreibe ich hier auf dem Blog. Auch darüber, was zu Weihnachten Wildes bei mir auf den Tisch kommt: Kräuter, Nadeln, Braten, Punsch. Aber was eigentlich am Tisch passiert, wenn alle zusammensitzen? Darüber habe ich noch nie geschrieben. Und ehrlich gesagt: Das kann jemand anderes viel besser.
Deshalb freue ich mich riesig, heute Pia Hübinger als meine erste Gastautorin hier auf WildKrautBraut begrüßen zu dürfen! Pia ist Diplom-Pädagogin, Coach und Trainerin für Achtsamkeit und Selbstmitgefühl. Auf ihrem Blog beziehungsweise und in ihrer Praxis im Rhein-Sieg-Kreis begleitet sie vor allem Frauen, die viel für andere tragen und sich selbst dabei aus dem Blick verlieren. Kennengelernt haben wir uns in der Content Society von Judith Peters, und im Oktober durfte ich schon bei ihr zu Gast sein, mit meinen Kräutern gegen Herbstmüdigkeit. Pia hat damals in ihrem Schlusswort etwas gesagt, das mich nicht mehr losgelassen hat: dass draußen genauer hinschauen und bei sich selbst genauer hinschauen zusammengehören. Genau so ist es. Ich lade dich ein, am Wegesrand stehen zu bleiben. Pia lädt dich ein, bei dir selbst stehen zu bleiben.
Und Weihnachten mit der Familie ist so ein Moment, in dem das gar nicht so leicht ist, oder? Pias Text beginnt mit einer Schüssel Rotkraut, in der Speckwürfel glänzen. Und mit einer erwachsenen Frau, die vor zwei Klößen sitzt und sich plötzlich wieder fühlt wie fünfzehn. Ich habe beim Lesen mehrmals genickt, einmal tief durchgeatmet und mehrmals laut gelacht (Stichwort Gäste-WC oder Rotwein, du wirst sehen 😉).
Genug von mir. Ab hier gehört die Bühne Pia.
Liebe Pia, herzlich willkommen auf meinem wildgrünen Blog! Und dir viel Freude beim Lesen, am besten mit deinem Lieblingsgetränk in den Händen.

Ein Gastbeitrag von Pia Hübinger,
Diplom-Pädagogin, Coach und Trainerin für Achtsamkeit und Selbstmitgefühl
Das Wichtigste in Kürze:
- Darum geht’s: Warum dich ein einziger Satz am Weihnachtstisch in deine alte Familienrolle zurückwirft und wie du trotzdem mit dir und den anderen verbunden bleibst.
- Alte Rollen: Die Vernünftige, die Vermittlerin, die Rebellin – wir sind als Kinder hineingewachsen. Am Familientisch reagiert der Körper schneller als jeder Gedanke.
- Die zwei Pfeile: Der erste Pfeil ist der Schmerz, der zweite die Selbstkritik danach. Beim zweiten hilft Selbstmitgefühl.
- Harmonie ist nicht gleich Verbindung: Du bist für dein Verhalten verantwortlich, nicht für die Stimmung aller anderen.
- Für den Abend selbst: drei Fragen zum Innehalten vor dem Familientreffen und Sätze, mit denen du freundlich Grenzen setzt.

Judith (die eigentlich anders heißt) isst seit 35 Jahren kein Fleisch. Ihre Eltern wissen das, seit 35 Jahren. Trotzdem läuft Heiligabend bei ihnen jedes Jahr gleich ab.
Im Esszimmer brennen die Kerzen am Baum, die gute Tischdecke liegt auf, und die Mutter trägt die Suppe herein: Fleischbrühe mit Markklößchen. Judiths Suppenteller bleibt leer. Die Klößchen hätte sie herausfischen können, die Brühe nicht. Dann kommt der Braten, dazu Klöße und Rotkraut, und Judith sieht schon an der Schüssel, dass auch dieses Jahr Speckwürfel im Rotkraut glänzen. Eine Alternative gibt es nicht. Es hat noch nie eine gegeben. Am Ende liegen auf ihrem Teller zwei Klöße. Die Bratensoße lässt sie auch weg.
„Kind, du isst ja gar nichts“, sagt die Mutter. „Das bisschen Speck schmeckt man doch kaum. An Weihnachten kannst du doch mal eine Ausnahme machen. Mir zuliebe. Und auch dir zuliebe.“
Judith legt die Gabel ab. In ihr zieht sich etwas zusammen, ihr Hals wird eng, und eine Stimme, die sie seit Jahren nicht mehr gehört hat, formuliert schon eine patzige Antwort. Sie ist eine erwachsene Frau, sie hat schwierige Gespräche geführt und Krisen überstanden. Und jetzt sitzt sie vor zwei Klößen und fühlt sich wie fünfzehn: nicht gesehen und irgendwie nicht richtig dazugehörig. Es ist, als wäre für sie an diesem Tisch kein Platz, obwohl sie mittendrin sitzt.
Vielleicht isst du Fleisch und hast mit Speck im Rotkraut nicht das geringste Problem. Den Moment kennst du trotzdem, oder? Ein einziger Satz am Weihnachtstisch, und du bist wieder fünfzehn.
In meiner Praxis höre ich nach den Feiertagen regelmäßig ähnliche Geschichten. Und oft schon lange vorher: Dann erzählen mir Klient*innen, wie viel Sorge und Anspannung sie mit sich herumtragen, sobald sie nur an das Familientreffen denken. Auch ich kenne diese Dynamik aus meiner Familie. Lass uns deshalb gemeinsam anschauen, was an so einem Abend in dir passiert.
Warum ein einziger Satz uns zurück in die alte Rolle wirft
Die Familie, in der wir groß geworden sind, ist der erste Ort, an dem wir gelernt haben, wie Zugehörigkeit funktioniert. Dort haben wir erfahren, wofür es Anerkennung gibt, was passiert, wenn jemand wütend wird, und wer am Tisch für welche Aufgabe zuständig ist. Vielleicht warst du die Vernünftige, auf die man sich verlassen konnte. Vielleicht die, die vermittelt hat, wenn es zwischen den Eltern oder Geschwistern knisterte. Oder die Rebellin, die zuverlässig das ausgesprochen hat, was alle anderen dachten.
Diese Rollen haben wir uns nicht ausgesucht. Wir sind in sie hineingewachsen, lange bevor wir Worte dafür hatten: in der Art, wie die Stimmung im Raum kippt, wenn der Vater die Stirn runzelt, oder in dem kleinen Moment der Erleichterung, wenn wir etwas richtig gemacht haben. Die Entwicklungspsychologie nennt das implizites Beziehungswissen. Gemeint ist ein Wissen, das wir nie bewusst abgespeichert haben und das trotzdem jederzeit abrufbar ist. Am Weihnachtstisch kommt alles zusammen, was dieses Wissen weckt: dieselben Stimmen, derselbe Geruch, oft sogar derselbe Stuhl.
Dein Nervensystem prüft ununterbrochen, ob du sicher bist. Wenn ein Satz klingt wie die Kritik von damals, ist der Körper schneller als jeder Gedanke. Deshalb gehen die Schultern hoch, deshalb wird es im Brustraum eng, deshalb rutscht dir die patzige Antwort raus, ehe du dich bewusst dafür entscheiden konntest.
Schau einmal genau hin, was gesagt wurde und was ankommt.
Judiths Mutter hat gesagt: „Mach doch mal eine Ausnahme.“ Gehört hat Judith: „So, wie du bist, gehörst du hier nicht dazu.“
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt eine ganze Geschichte. Manchmal trifft uns ein Satz, weil er eine alte Geschichte über uns berührt. Und manchmal, weil sich diese Geschichte gerade wiederholt. Bei Judith kommt beides zusammen: Auch an diesem Abend wird sie nicht berücksichtigt. So wie in den letzten 35 Jahren.
Und dann passiert manchmal noch etwas: Aus dem Gefühl, nicht gesehen zu werden, wird der Gedanke, selbst das Problem zu sein. Bin ich zu schwierig? Verlange ich zu viel? Warum kann ich nicht einfach unkompliziert sein?
Hier kommt die Scham ins Spiel. Anders als Schuld, die sich auf unser Verhalten bezieht, trifft Scham unser Selbstbild. Nicht ich habe etwas falsch gemacht, sondern mit mir stimmt etwas nicht. Und wenn wir uns so fühlen, möchten wir am liebsten im Boden versinken, uns zurückziehen oder zum Gegenangriff übergehen.
Die alten Rollen sind keine Schwäche, die du endlich überwinden müsstest. Das Kind, das vermittelt hat, hat vielleicht versucht, für Frieden am Tisch zu sorgen. Das Kind, das vernünftig war, hat gehofft, dadurch Zuwendung zu bekommen. Das waren kluge Anpassungen an die Verhältnisse, in denen du aufgewachsen bist. Sie hatten damals einen Sinn. Heute brauchst du sie nicht mehr in jeder Situation.
Eine Frage, die mir in solchen Momenten hilft, lautet: Welche alte Geschichte über mich wird gerade berührt?
Die zwei Pfeile: wenn wir dem Schmerz noch etwas hinzufügen
In der buddhistischen Psychologie gibt es ein Gleichnis, das mich seit vielen Jahren begleitet: Wenn uns ein Pfeil trifft, tut das weh. Doch häufig bleibt es nicht bei diesem einen Pfeil. Wir fügen uns einen zweiten hinzu – durch die Art, wie wir mit unserem Schmerz umgehen.
Judiths erster Pfeil ist die Erfahrung, selbst nach 35 Jahren noch immer nicht mitbedacht zu werden. Das tut weh, und daran kann sie in diesem Moment wenig ändern.
Der zweite Pfeil folgt oft unmittelbar, und wir kennen ihn schon. Bei Judith klingt er vielleicht so: Bin ich zu schwierig? Bin ich undankbar, nach all der Mühe, die sie sich mit dem Weihnachtsessen macht? Oder: Warum schaffe ich es nach all den Jahren immer noch nicht, einfach darüberzustehen?
Manchmal beginnt auch ein inneres Gerichtsverfahren, in dem sie sämtliche Beweise für die Ungerechtigkeit ihrer Mutter zusammenträgt. (Wer schon einmal auf dem Gäste-WC der Eltern eine flammende Rede an den Badezimmerspiegel gehalten hat, weiß, wovon ich spreche.)
Der erste Pfeil schmerzt. Der zweite hält den Schmerz am Leben, oft den ganzen Abend lang und manchmal bis Neujahr. Schuld sind wir an ihm trotzdem nicht. Auch der zweite Pfeil hat eine Geschichte. Der britische Psychologe Paul Gilbert, der die Compassion Focused Therapy entwickelt hat, versteht den inneren Kritiker als Teil unseres Schutzsystems: Selbstkritik kann ein Versuch sein, der Ablehnung durch andere zuvorzukommen und Zugehörigkeit zu sichern. Bei Judith passt das gleich doppelt. Ihre Hoffnung, dass die Mutter diesmal an sie denkt, hat das Kind von damals mit der Mutter verbunden. Und die Frage „Bin ich undankbar?“ schützt die Beziehung, weil sie den Fehler bei Judith sucht statt bei der Mutter. Was damals Sinn ergab, tut heute vor allem weh.
Was an dieser Stelle hilft, ist Selbstmitgefühl. Damit ist die Fähigkeit gemeint, uns selbst in schwierigen Momenten mit derselben Freundlichkeit und demselben Verständnis zu begegnen, die wir einem lieben Menschen entgegenbringen würden. Gerade dann, wenn wir verletzt sind, Fehler machen oder an unsere Grenzen kommen.
Selbstmitgefühl beginnt damit, den zweiten Pfeil zu bemerken und sich nicht auch noch dafür zu verurteilen. Es bedeutet nicht, den Satz der Mutter gutzuheißen oder so zu tun, als hätte er nicht getroffen, sondern sich selbst zu sagen: „Autsch. Das hat wehgetan. Kein Wunder, nach allem, was dieser Satz in mir anrührt.“
Und dann, ganz wichtig, machst du daraus kein neues Projekt. Wenn du dich am Weihnachtsabend dreimal dabei ertappst, wie du dir einen zweiten Pfeil zufügst, ist das menschlich. Du musst nicht auch noch das Bemerken perfekt beherrschen. Der erste Pfeil gehört zum Leben. Beim zweiten haben wir mehr Wahlfreiheit, als wir glauben.
Für die Stimmung zuständig? Harmonie ist noch keine Verbindung
Viele von uns tragen an Weihnachten einen heimlichen Auftrag mit sich herum, den nie jemand ausgesprochen hat: die Sorge dafür, dass alle glücklich sind. Dazu gehört, an den zuckerfreien Nachtisch für Oma zu denken, den Onkel nicht neben den Schwager zu setzen, das Gespräch rechtzeitig umzulenken, bevor es um Politik geht, und die Stimmung zu retten, wenn sie kippt. Diese Arbeit sieht niemand, und gerade deshalb ist sie so anstrengend. In vielen Familien übernehmen sie bis heute vor allem Frauen. Das liegt an Rollenbildern, die über Generationen weitergegeben wurden, und nicht an einer besonderen Begabung. Väter, Brüder und Partner*innen könnten genauso gut an den Nachtisch denken.
Hinter diesem Auftrag steckt oft eine unbewusste Rechnung: Wenn ich alles richtig mache, wird es für alle schön. Manchmal steckt aber auch Angst dahinter. Angst vor dem Streit, der früher vielleicht wirklich eskaliert ist, oder vor der Kälte, die danach im Haus lag. Fürsorge ist etwas Wunderbares. Sie wird nur dann zur Last, wenn wir versuchen, damit auch die Gefühle aller anderen zu steuern. Das kann kein Mensch leisten, auch du nicht.
Du bist für dein Verhalten verantwortlich, für deine Worte und dafür, wie du anderen begegnest. Für die Laune deines Bruders bist du es nicht. So einfach das in der Theorie klingt, so schwer ist es am Weihnachtstisch, denn wir sind Teil eines gemeinsamen Beziehungssystems. Wenn du anfängst, dich anders zu verhalten, verändert sich auch für die anderen etwas. Und manchmal wird es erst einmal holpriger, bevor es leichter wird.
Häufig verwechseln wir Konfliktfreiheit mit einer gelingenden Beziehung. Echte Nähe muss aber auch Unterschiede aushalten können. Der Familientherapeut Murray Bowen prägte dafür den Begriff der Differenzierung: mit Menschen, die wir lieben, in Verbindung bleiben und trotzdem eine eigene Position vertreten. Ohne mit ihnen zu verschmelzen und ohne sich innerlich zurückzuziehen, sobald es schwierig wird.
Dazu gehört auch ein Blick auf die andere Seite des Tisches. Judiths Mutter hat seit dem frühen Morgen in der Küche gestanden. Auch sie trägt an diesem Tag den heimlichen Auftrag mit sich herum, dass alle glücklich sein sollen. Für sie ist ein gutes, traditionelles Essen ihre Art, Liebe zu zeigen: Ich sorge für dich, du sollst etwas Besonderes bekommen, du bist hier zu Hause. Wenn ihre Tochter davon nur zwei Klöße isst, kommt bei ihr womöglich an, dass ihre Liebe zurückgewiesen wird. Sie versteht vielleicht wirklich nicht, warum ihr Kind an Weihnachten „nichts Gescheites“ isst.
In diesem Moment fühlen sich beide nicht gesehen. Gleich verteilt ist die Sache trotzdem nicht. Eine Gemüsebrühe oder eine kleine Schüssel Rotkraut ohne Speck wären durchaus möglich. Dass die Mutter es gut meint, ändert nichts daran, wie es bei ihrer Tochter ankommt. Eine liebevolle Absicht macht eine Handlung noch nicht liebevoll. Es zählt auch, ob die Liebe beim anderen ankommen kann.
Und Judith? Sie hat ihre Mutter nie vorher angerufen und gefragt, ob sie etwas mitbringen, die Vorspeise übernehmen oder die Mutter eine Portion Rotkraut beiseitestellen könnte, bevor der Speck hineinkommt. Sie sagt es schließlich auf jeder Familienfeier: Ich esse kein Fleisch. Ihre Mutter muss das doch wissen.
Der Wunsch, gesehen zu werden, ohne ausdrücklich darum bitten zu müssen, ist zutiefst menschlich. Er hat seine Wurzeln oft in einer Zeit, in der wir als Kinder darauf angewiesen waren, dass die Erwachsenen erkennen, was wir brauchen.
Ja, klar wäre es schöner, wenn die Mutter so an Judith denken würde, wie Judith es braucht. Und Judith darf sich das auch nach 35 Jahren noch wünschen. Aber so ist es bislang nicht. In der buddhistischen Psychologie und auch in meiner Arbeit spielt deshalb eine Haltung eine wichtige Rolle: die Wirklichkeit so anzuerkennen, wie sie gerade ist, auch wenn sie wehtut.
Anerkennen heißt dabei weder, sich abzufinden, noch, die eigenen Wünsche kleiner zu machen. Es heißt, zu unterscheiden zwischen dem, was Judith sich von ihrer Mutter wünscht, und dem, was sie tatsächlich bekommt. Solange sie wartet, bleibt sie davon abhängig, ob die Mutter sich ändert. Das lenkt den Blick auf eine Frage, die ich mit meinen Klient*innen immer wieder erforsche: Was liegt in meinem Einflussbereich?
Vielleicht ist es ein Anruf in der Woche vor Weihnachten, eine eigene Schüssel Rotkraut, die Judith mitbringt, oder eine Bitte, die sie ausspricht, statt darauf zu warten, dass jemand sie errät. Und vielleicht entscheidet sie irgendwann auch, Weihnachten anders zu verbringen. Nicht um ihre Mutter zu bestrafen, sondern weil ihre eigenen Bedürfnisse genauso viel zählen.
Die Perspektive ihrer Mutter zu verstehen, verpflichtet Judith zu nichts. Schon gar nicht dazu, Speck oder Braten zu essen, nur damit der Familienfrieden gewahrt bleibt. Aber wie kann sie ihre Bedürfnisse deutlich machen, ohne ihre Mutter abzuwerten? Wie kann eine Grenze klingen, die beides ermöglicht: sich selbst treu zu bleiben und dem anderen respektvoll zu begegnen? Vielleicht so:
- „Ich merke, dass mich das gerade trifft. Ich möchte heute Abend aber nicht darüber streiten.“
- „Ich sehe das anders. Und ich muss dich heute nicht überzeugen.“
- „Ich weiß, wie viel Liebe in diesem Essen steckt. Ich esse trotzdem kein Fleisch, und ich bin trotzdem gerne hier bei euch.“
- „Beim nächsten Mal kümmere ich mich um die Suppe, dann hast du einen Topf weniger auf dem Herd. Mögt ihr lieber Grießklößchen- oder Maronensuppe?“
Manchmal hilft es auch, das Gespräch erst einmal ruhen zu lassen. Auf den Balkon zu gehen, ein paar Minuten frische Luft zu schnappen und wieder bei sich anzukommen. Nicht jedes Thema muss ausgerechnet an den Weihnachtsfeiertagen geklärt werden. Manche Gespräche brauchen einen anderen Tag, einen anderen Ort und weniger Rotwein.
Warum wir an Weihnachten oft schon auf dem Zahnfleisch gehen
Der Streit am Weihnachtstisch beginnt manchmal lange vor dem Weihnachtsessen.
Vielleicht knallt es an Weihnachten auch deshalb so häufig, weil wir schon erschöpft am Familientisch ankommen. Hinter uns liegen Wochen, in denen wir versucht haben, alles unter einen Hut zu bekommen: Weihnachtsfeiern in der Schule und im Beruf, Adventsaufführungen der Kinder, Geschenke besorgen, Plätzchen backen, das Haus schmücken, die Eltern besuchen, vielleicht noch ein Weihnachtsmarktbesuch, weil das doch so schön ist. Und nebenher läuft der ganz normale Alltag weiter. Die Arbeit, die Wäsche, die Termine und die Sorgen, die nicht einfach verschwinden, nur weil Dezember ist.
Vieles davon machen wir gern. Wir freuen uns auf die Adventszeit, möchten unseren Kindern schöne Erinnerungen schenken und Zeit mit Menschen verbringen, die uns wichtig sind. Und trotzdem kann all das irgendwann zu viel werden.
Wenn du über Wochen deine eigenen Bedürfnisse hintanstellst, schlecht schläfst und kaum zur Ruhe kommst, hast du naturgemäß weniger Geduld und inneren Spielraum für das, was dich ohnehin verletzt. Dann reicht womöglich eine einzige Bemerkung, um die mühsam aufrechterhaltene Fassung zu verlieren. Und ausgerechnet an Weihnachten, wenn endlich alles schön sein soll, sitzt du dann mit einem Nervensystem am Tisch, das eigentlich dringend eine Pause bräuchte.
Das kenne ich auch von mir.
Vor einigen Jahren war ich Anfang Dezember richtig traurig, weil ich keinen Adventskalender hatte. Für die Kinder hatte ich (wie jedes Jahr) gesorgt, mein Mann bekam auch einen (wie jedes Jahr), und die Kinder hatten ihm zusätzlich noch einen selbst gebastelten zum Geburtstag geschenkt. Nur an mich hatte niemand gedacht. Ich selbst eingeschlossen.
Dabei liebe ich Adventskalender. Dieses tägliche Auspacken, die Überraschung, die Vorfreude. Natürlich ging es nicht um die Schokolade oder irgendeine Kleinigkeit hinter einem Türchen. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass auch einmal jemand an mich denkt.
Seit einigen Jahren mache ich deshalb bei einer Aktion mit, bei der 25 Frauen jeweils 24-mal dasselbe Päckchen packen. Alles wird gesammelt und so verteilt, dass jede einen eigenen Adventskalender bekommt. Eine bunte Mischung aus selbstgemachten und gekauften Kleinigkeiten. Jeden Morgen freue ich mich darauf.
Bei mir war es der Adventskalender, den alle hatten, nur ich nicht. Im Fall von Judith ist es der gedeckte Tisch, an dem sie nichts für sich findet. Das sind sehr unterschiedliche Erfahrungen. Aber beide erinnern an eine Frage, die weit über Weihnachten hinausreicht: Wer denkt eigentlich an mich? Und denke ich mich selbst mit?
Eine Weihnachtszeit ohne Stress entsteht selten durch zusätzliche Termine, eher dadurch, dass wir etwas eintauschen: Basteln statt Küchenschränke putzen, eine halbe Stunde bei der Nachbarin statt eines ganzen Nachmittags. Vielleicht geht es gar nicht darum, alles unter einen Hut zu bekommen, sondern darum, zu entscheiden, was uns wirklich wichtig ist und was auch einmal ausfallen darf.
Gerade wenn du weißt, dass dich an Weihnachten schwierige Begegnungen erwarten, kann es helfen, vorher einen Moment innezuhalten. Nicht um dich auf alles vorzubereiten oder die eigenen Gefühle in den Griff zu bekommen, sondern um erst einmal bei dir selbst anzukommen, bevor du dich wieder den anderen zuwendest. Vielleicht findest du dafür ein paar Minuten im Flur, im Auto vor dem Haus deiner Eltern oder in der Küche mit einer warmen Tasse Kräutertee in den Händen.
Wenn du magst, probiere einmal Folgendes aus:
Spür den Boden unter deinen Füßen. Atme einmal länger aus, als du einatmest. Und stell dir drei Fragen:
- Wie geht es mir gerade wirklich?
- Was brauche ich, um heute gut mit mir verbunden zu bleiben?
- Wie möchte ich den anderen begegnen, auch wenn es schwierig wird?
Vielleicht findest du nicht auf jede Frage sofort eine Antwort. Das musst du auch nicht. Schon einen Moment innezuhalten und wahrzunehmen, wie es dir eigentlich geht, kann etwas verändern. Vielleicht merkst du, dass du müde bist, dass du dich auf den Abend freust oder dass dir vor einer Begegnung graut. Alles darf erst einmal da sein. Du musst nichts davon wegmachen, bevor du dich wieder zu den anderen an den Tisch setzt.
Weihnachten darf menschlich sein
Weihnachten muss weder perfekt noch durchgehend harmonisch sein. Nicht jeder Konflikt braucht eine Lösung, und nicht jede alte Verletzung heilt am selben Abend. Wir dürfen freundlich bleiben, ohne alles hinzunehmen. Und wir dürfen ein schönes Fest erleben, ohne es für alle herstellen zu müssen.
Vielleicht steht bei Judiths Eltern eines Tages eine Schüssel Rotkraut ohne Speck auf dem Tisch, weil Judith vorher angerufen und darum gebeten hat. Vielleicht auch nicht. Die Frage dahinter ist ohnehin größer als das Weihnachtsessen: Wie können wir am selben Tisch sitzen und verschieden sein dürfen?
Und noch etwas möchte ich dir mitgeben: Wenn du dich schon länger mit dir selbst beschäftigst, vielleicht meditierst, alte Familienmuster erkannt hast und übst, dir selbst mitfühlender zu begegnen, kann sich leicht eine neue Erwartung einschleichen. Dass du doch inzwischen so weit sein müsstest, gelassen zu bleiben. Dass dich die Bemerkungen deiner Mutter nicht mehr treffen dürften. Dass du nach all der inneren Arbeit endlich über den Dingen stehen solltest.
Aber so funktioniert persönliche Entwicklung nicht. Wir hören nicht auf, verletzlich zu sein, nur weil wir unsere Verletzungen besser verstehen. Auch wer seine alten Muster kennt, kann im entscheidenden Moment wieder mitten in ihnen stecken. Und manchmal erkennen wir erst hinterher, was eigentlich passiert ist.
Das bedeutet nicht, dass all die Beschäftigung mit uns selbst umsonst war. Vielleicht bemerken wir heute früher, was in uns vorgeht. Vielleicht gelingt es uns, eine Grenze zu setzen, statt uns wie früher anzupassen. Und vielleicht sind wir manchmal genauso verletzt oder wütend wie damals, schaffen es aber, uns dafür nicht auch noch zu verurteilen.
Auch an Weihnachten dürfen wir menschlich sein. Manchmal fallen die anderen in ihre alten Rollen zurück. Und manchmal erwischst du dich selbst dabei, wie du vor zwei Klößen sitzt und dich für einen kurzen Moment wieder wie fünfzehn fühlst.
Du musst dich nicht selbst verlassen, damit andere sich mit dir wohlfühlen.
Über die Autorin
Pia Hübinger ist Diplom-Pädagogin, Coach und Trainerin für Achtsamkeit, Selbstmitgefühl und achtsamkeitsbasierte Kommunikation. In ihrer Arbeit verbindet sie Erkenntnisse aus der westlichen und buddhistischen Psychologie mit einem tiefen Verständnis für menschliche Beziehungen und die Geschichten, die uns prägen.
Sie begleitet vor allem Frauen in der Lebensmitte, die viel Verantwortung tragen, oft für andere da sind und sich selbst dabei aus dem Blick verloren haben. Ihr Ansatz Radical Belonging lädt dazu ein, sich selbst mit mehr Freundlichkeit zu begegnen, alte Muster zu verstehen und Beziehungen so zu gestalten, dass auch die eigenen Bedürfnisse darin Platz haben.
Ihr Leitsatz: „Wo Beziehung gelingt, gelingt das Leben. Es beginnt bei dir.“
Bei Pia weiterlesen und dran bleiben:
- Ihr Blog: beziehungsweise – Beziehungen, die tragen
- Mehr über Pia: Über mich
- Durch den Advent: ihr kostenloser Adventskalender Sei dir gut – 24 kleine Einladungen zu mehr Ruhe und Selbstmitgefühl
- Ihr Newsletter: Kindful Moments
- Auf Instagram: @piahuebinger
Und denkst du mal an dich mit?
Danke, liebe Pia! Von all deinen Sätzen hängen zwei in meinem Kopf wie eine Klette am Wollpulli: Wer denkt eigentlich an mich? Und denke ich mich selbst mit? Ich nehme mir für diesen Dezember genau eine Sache vor: mir selbst öfter mal eine Tasse Punsch zu machen. Nicht mehr. Kein neues Projekt, Pia hat es ja gesagt.
Jetzt bist du dran: Welche alte Rolle wartet an deinem Weihnachtstisch auf dich? Und welcher von Pias Sätzen kommt mit in deine Hosentasche? Schreib es gern in die Kommentare. Pia und ich lesen mit und freuen uns auf den Austausch.
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Pia hat es im Text selbst vorgeschlagen: Beim nächsten Mal einfach die Suppe übernehmen. Wie wäre es mit meiner cremigen Topinambursuppe? Ganz ohne Fleischbrühe und mit einer Knolle, die genau jetzt im Herbst und Winter geerntet wird. Als vegetarische Beilage, die auch neben dem Braten eine gute Figur macht, passt Topinambur aus dem Ofen mit Kräuterdip. Und wenn bei euch doch Gans oder Ente auf dem Tisch steht, verrate ich dir, wie Gänsebrust mit Beifuß-Paste die Festtage bekömmlicher macht. Pias Tipp mit dem Balkon nehme ich übrigens wörtlich und erweitere ihn um einen Waldspaziergang: Wie du dabei Tanne, Fichte, Kiefer und Douglasie unterscheidest, liest du in meinem Nadelbaum-Artikel. Für die warme Tasse in beiden Händen gibt es alkoholfreien Punsch, passend zu „weniger Rotwein“. Und unter der Mistel galten bei den Kelten die normalen Gesetze nicht. Vielleicht ein guter Ort, um verschieden sein zu dürfen? Mehr dazu in Unter der Mistel – Bedeutung, Mythos & Heilkraft.
Wildgrüner Advent
Du magst es im Advent lieber ruhig? Dann begleite ich dich ab dem 27. November an den vier Adventsfreitagen mit meinem Newsletter, jeweils mit einem Ausmalbild für Groß und Klein zu Winterpflanzen und Pilzen. Zum Ausdrucken, Ausmalen und Durchatmen am Wochenende. Dazu wächst ein Adventsbeitrag jede Woche um Wissen zu der Pflanze, die ihr gerade ausmalt. Seid dabei! Hier geht es zur Anmeldung für den Wildgrünen Advent.
Grüne Grüße
Inga
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