Inga
Wildkräuter(h)expertin
Die Erle ist weit mehr als nur ein Baum an Ufern oder Gräben. Sie steckt voller Geschichten, wertvoller Inhaltsstoffe und heilender Kräfte. In der Mythologie wird sie mit dem Erlkönig in Verbindung gebracht und gilt als Tor zur Anderswelt. In der Volksheilkunde wird sie als vielseitiges Heilmittel eingesetzt. Selbst kulinarisch findet sie Verwendung z.B. in einem einfachen Rezept für Kräutersalz. Erfahre hier, welche Wirkstoffe in der Erle stecken, wie sie wirken, wie du sie kulinarisch nutzen kannst und warum die Erle als essbarer heimischer Baum in der „hall of superfoods“, sowie in der Wildkräuterküche einen festen Platz verdient hat.
Inhaltsverzeichnis
Hokuspokus? Mythologie, Überlieferungen, Brauchtum
Der Erlkönig
„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind.“ So lauten die ersten Zeilen des Gedichts „Der Erlkönig“. Fast jeder dürfte in der Schule mit diesem Gedicht in Berührung gekommen sein. Erlkönig ist eine im Jahr 1782 von Johann Wolfgang von Goethe verfasste Ballade. Sie gehört zu einem seiner bekanntesten Werke. Der Hintergrund der Ballade stammt aus dem Dänischen, dort heißt der Erlkönig Ellerkonge (Nebenform von Elverkonge), also ‚Elfenkönig‘. Die Ballade wurde ursprünglich von Johann Gottfried Herder übersetzt. Dabei entstand aus der Übersetzung des Wortes elle als ‚Erle‘ der Begriff „Erlkönig“.
Umstritten ist, ob es sich dabei um einen Übersetzungsfehler handelt. Es ist durchaus möglich, dass Herder die Doppeldeutigkeit des dänischen Homonyms elle – das sowohl „Erle“ als auch „Elfe“ bedeuten kann – bekannt war und er also bewusst den Begriff „Erlkönig“ wählte, um auf die Verbindung der mythologischen Vorstellung von Elfen mit den feuchten Orten anzuspielen, an denen Erlen wachsen. Gerade diese Feuchtigkeit sorgt ja oft für Nebel, der an tanzende Schleier erinnert.
Nächtlicher Ritt mit tragischem Ende
In der Ballade reitet der Vater, der seinen kleinen Sohn wärmend im Arm hält, durch eine windige Nacht. Das Kind glaubt, während des Ritts in der Finsternis den Erlkönig zu erkennen. Dieser versucht das Kind mit säuselnden Versprechungen zu locken. Mehrmals äußert das Kind gegenüber dem Vater, dass es den Erlkönig sähe und es sich fürchte, dabei wird der Erlkönig immer fordernder und das Kind immer unruhiger. Der Vater beruhigt seinen Sohn immer wieder und versucht für die vermeintlichen Halluzinationen des Kindes plausible Erklärungen zu finden. Nach seiner Auffassung, handelte es sich nur um „Nebelstreifen“ und Silhouette der alten Weiden. Die Geräusche rührten nur vom Rascheln der Blätter. Doch die Gestalt wird immer bedrohlicher, und der Sohn reagiert immer panischer. Letztendlich verliert auch der Vater seine Fassung und versucht, so schnell er reiten kann, das Ziel zu erreichen. Doch als er dort endlich ankommt, ist das Kind in seinen Armen tot.
Weißt du noch? Geschichten zum Träumen
Welch tragisches Ende. Davon habe ich als Kind glücklicherweise noch nichts geahnt. Wer weiß, ob ich dann noch genauso neugierig gewesen wäre. Auf dem Zeltplatz, auf dem meine Eltern und ich Dauerzeltler waren, gab es einen Imbiss in der Nähe des Bootstegs. Das Gelände war von Bäumen umgeben, die Jahr für Jahr kugelige, schwarze Früchte trugen. Diese Früchte haben mich immer angezogen. Ich bin barfuß darüber gelaufen, obwohl die Kugeln pieksig waren. Wenn ich sie zwischen den Fingern rollte, zerbröselten sie schnell.
Ich habe mich oft gefragt, was das für ein Baum ist, der so interessante Früchte trägt. Damals gab es kein Google Lens. Erst im Erwachsenenalter habe ich erfahren, dass mich die Erlen in ihren Bann gezogen haben. Glücklicherweise habe ich die Bekanntschaft mit den Erlen unbeschadet überlebt, im Gegensatz zum Kind in der Ballade.
Weißt du schon? Geschichten zum Lernen
Nützliche Symbiose
Wie sich also aus meiner Erfahrung von damals bestätigt, fühlen sich Erlen wohl auf nassen, nährstoffreichen Böden und zeigen einen hohen Grundwasserspiegel an. Erlen gelten als Waldpioniere an Ufern. An den Wurzeln der Erlen sitzen trauben- bis korallenartige Wucherungen, in denen, ähnlich wie bei den Schmetterlingsblütlern, Bakterien leben, die Stickstoff aus der Luft binden und für den Baum verfügbar machen. Stickstoffe sind für Pflanzen essentiell und werden für die Bildung von lebenswichtigen Eiweißen benötigt. Eiweiße sind primäre Inhaltsstoffe von Pflanzen, die sie zu Leben brauchen, insbesondere um überhaupt leben zu können. Aus diesen Proteinen werden sekundäre Pflanzenstoffe gebildet, die die Pflanze wiederum zum Überleben braucht.
Wertvolle Inhaltsstoffe
Gerbstoffe sind zum Beispiel solche sekundären Inhaltsstoffe. Sie dienen den Pflanzen als Schutz vor Fraß-Feinden und hemmen darüber hinaus das Wachstum von Bakterien und Pilzen. Das liegt vor allem daran, dass in Wassergelöste Gerbstoffe Eiweißmoleküle vernetzen. Dabei entstehen in Wasser unlösliche Gerbstoff-Eiweiß-Komplexe, die für Fraß-Feinde unverdaulich sind. Was der Pflanze dabei zum Schutz dient, ist wertvoll für den Menschen in der Möbelherstellung, der Hausapotheke und in der Ernährung. Denn an und für sich sind Gerbstoffe nämlich nicht verkehrt oder gar giftig, sondern haben sich auch einen Platz in meiner hall-of-fame der Superfoods verdient.
Begehrtes Möbelholz und geschätzt für die Gerbung von Leder
Das Holz der Erle hat einen hohen Anteil an Gerbstoffen. Möbel aus Erlenholz sind daher sehr beliebt, da sie aufgrund der enthaltenen Gerbstoffen lange haltbar sind und eine schöne Färbung aufweisen. Erlenrinde und deren Blätter enthalten ebenfalls viele Gerbstoffe, weshalb sie aufgrund der Hemmung von Bakterien- und Pilzwachstum früher als beliebtes Gerbemittel in der Lederherstellung eingesetzt wurden.
Verwendung in der Hausapotheke
Die bakterienhemmenden Eigenschaften sind auch sehr geschätzt in der Volksheilkunde und der Phytotherapie. Außerdem wirken Gerbstoffe äußerlich angewendet reizmildernd, entzündungshemmend, schwach lokal Schmerz lindernd, Blut stillend, unterbinden Plaque-Bildung auf den Zähnen, trocknen nässende Wunden aus und verhindern übermäßige Schweißproduktion. Innerlich angewendet wirken Gerbstoffe stopfend und verhindern die Aufnahme von Giftstoffen, die durch Krankheitskeime im Darm entstehen.
Verwendung in der Ernährung
Gerbstoffe kann man riechen und schmecken. Gerbsäuren haben einen säuerlichen Geruch, denn man besonders intensiv an frisch gefällten gerbstoffhaltigen Bäumen wahrnimmt. Geschmacklich sind sie eher bitter, wodurch sie die Verdauung schon im Mund anregen, indem sie für vermehrten Speichelfluss sorgen. Außerdem werden der Gallenblase und der Leber Signale gesendet, vermehrt Verdauungssäfte zu produzieren, was sich verdauungsfördernd auswirkt. Diese Wirkung hat zum Beispiel auch der Beifuß. Aber auch, wenn du Wein trinkst, merkst du, wie sich die Mundschleimhäute zusammenziehen und die Zähne regelrecht stumpf werden. Das ist ein eindeutiges Anzeichen, für das Vorhandensein von Gerbstoffen. Hättest du das gewusst? Erstaunlich, oder?
Verwendung in der Küche
Nun gut, auch wenn dir schon das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn du an einen leckeren Rotwein denkst (so geht es mir zumindest), zurück zur Erle: Wenn du die Blätter der Erle als gesunde verdauungsfördernde Zutat in der Küche verwenden möchtest, dann empfehle ich dir, von März bis Mai das zarte junge Laub zu sammeln. Wenn die Blattstiele noch so weich sind, dass man sie zwischen den Fingern zerreiben kann, sind sie ideal. Die Blätter lassen sich zu Gemüsechips, Bratlingen, sowie Nuss- und Bittergemüse verarbeiten oder getrocknet und vermahlen Brotmischungen beimischen. Sie eignen sich aber auch unter anderem gut als Bitterwürze in Kräuter-Öl und in Kräutersalz bzw. getrocknet als Vorratsgewürz. Dazu habe ich dir ein einfaches Rezept für ein Kräutersalz mit Erlenblättern erstellt.
Schon gemacht? Einfache Rezepte und Anleitungen
Kräutersalz mit Erlen-Blättern
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Warnhinweis
Jetzt bist du hoffentlich hochmotiviert, mehr bittere Gerbstoffe in deine gesunde Ernährung zu integrieren. Gut so! Trotz der gesundheitsfördernden Eigenschaften der Gerbstoffe ist aber auch Vorsicht geboten. Sie sollten nur in Maßen in die Ernährung integriert werden. Denn ein übermäßiger Verzehr davon kann auch in das Gegenteil umschlagen: Unter anderem kann eine Überdosierung zu Verstopfung, Allergien und Hautreizungen führen, die Wirkung von Medikamenten hemmen und Magenbeschwerden oder gar Leberschäden verursachen. Daher bitte immer auf die Dosierung achten!
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Quellen
https://de.wikipedia.org/wiki/Erlk%C3%B6nig_(Ballade)
Roland Spohn u.a., Kosmos-Naturführer, Das Original, Was blüht denn da?, 2021, 60. Auflage, S. 400
Karin Greiner, Unterlagen der Gundermannschule, Sekundäre Inhaltsstoffe, Gerbstoffe, Version_12
Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann, Roland Spiegelberger, Enzyklopädie, Essbare Wildpflanzen, AT Verlag 2020, 14. Auflage 2023, S. 259 f
Titelbild: Eigene Aufnahme einer Erle mit Blättern, männlichen Blüten und Früchten
Bild im Beitrag: Eigene Aufnahme einer Erle mit Blättern, männlichen Blüten und Früchten
Bilder aktuell erwerbbar bei: shutterstock
Rezeptbild: Eigene Erstellung der Grafik
Wichtiger Hinweis an meine Leser
Alle publizierten Inhalte in diesem Artikel sind sorgfältig recherchiert, in meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin erlernt und nur als Anregung und zur Unterhaltung gedacht. Sie können den Arztbesuch nicht ersetzen, den ich bei körperlichen Beschwerden immer empfehle. Kräuter, Bäume und Pilze, die ich hier vorstelle, sammle und verarbeite ich für den Eigengebrauch. Bei Zweifel oder Unsicherheiten rate ich, sich an Experten, gerne an mich, zu wenden oder im Rahmen einer Wildkräuterwanderung unter Aufsicht des Kräuter- und Pilzkundigen zu sammeln. Im Zweifel stehen lassen.
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