Bevor ich 2024 anfing, mich zur Kräuterpädagogin ausbilden zu lassen, habe ich den Winter mit seinen grauen und dunklen Tagen gefürchtet. Stimmungstiefs waren vorprogrammiert. Die Wochen und Monate bis zu den ersten schönen warmen Tagen waren dabei am schlimmsten. Was hätte mir da ein kleiner Stimmungsaufheller in Form von einem Oxymel mit Johanniskrautblüten geholfen.
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Die Pflanzen sind im Winter nicht tot, denn sie schlafen nur
Aber, weißt du, was ich in diesem Kräuterpädagogik-Winter gelernt habe? Der Winter ist gar nicht so trüb und grau und schon gar nicht lang, geschweige denn tot. Diese Saison betrachte ich seit dem mit anderen Augen , denn eines fasziniert mich seit diesem Kurs ganz besonders: Wie die Pflanzen dafür sorgen, dass sie im nächsten Jahr fortbestehen. Bereits im Sommer und Herbst treffen Pflanzen Vorbereitungen für die nächste Saison – jede auf ihre eigene magische Weise.
Die eine zieht all ihre mit Hilfe der Photosynthese hergestellten Inhaltsstoffe hinunter in die Wurzel, Knolle oder das Rhizom (Kryptophyten), um sie darin über den Winter zu bringen und für den Frühjahrsaustrieb zur Verfügung zu haben. Andere (Hemikryptophyten) überleben den Winter, indem sie ihre überwinternden Pflanzenteile – meist Rosetten oder Polster aus Blättern – und die Knospen ganz nah dem Boden anschmiegen, wo sie nicht dem eisigen Wind ausgesetzt sind. Wieder andere Pflanzen (Therophyten) leben nur diese eine Saison und packen alle Kraft in die Samen, die diese Kraft für den Austrieb im Frühjahr brauchen, dass sie in der nächsten Saison den Fortbestand der Art sichern. Und wieder andere, wie z.B. Bäume und Sträucher (Phanerophyten), legen schon im Herbst Knospen für das neue Frühjahr an. In diesen Knospen warten dann die Blätter und auch Blüten für das nächste Jahr in Miniaturform auf die ersten warmen Tage im Frühjahr, um mit Hilfe von Wasser und den in der letzten Saison gesicherten wertvollen, energiereichen Kohlenhydraten wieder auszutreiben. Wie die Geophythen für ihr Überleben sorgen, dazu habe ich einen besonderen Artikel geschrieben. Schau gerne mal rein, wenn dich das Thema interessiert.
Diese Erkenntnis und das Wissen darum, dass im Winter nicht alles tot ist, sondern bereits auf der Lauer vor dem nächsten Frühling liegt, hat mir den Winter-Blues vertrieben. Wenn ich mir im Winter die vorbereiteten Knospen an den kahlen Bäumen betrachte weiß ich: Nicht mehr lange. Die Natur wird bald aus ihrem Winterschlaf erwachen und wieder explodieren.
Inhaltsstoffe und Wirkung von Johanniskraut
Aber zurück zum Echten Johanniskraut (Hypericum perforatum). Es ist Ende Mai, die Pflanzenwelt explodiert bereits seit Wochen. Auch das Johanniskraut ergrünt und die Blütezeit rückt immer näher. Ich kann sie kaum erwarten. Schon in den letzten Jahren habe ich in jeder Saison ein paar Johanniskrautblüten gesammelt. Dann Johanniskraut ist eine besondere Pflanze, die überwiegend bei depressiven Verstimmungen zum Einsatz kommt. Die Wirkung dieser altbewährten heimischen Heilpflanze ist wissenschaftlich gut belegt. Johanniskraut vereint eine einzigartige Kombination aus Wirkstoffen:
- Hypericin (und Pseudohypericin): Der rotfärbende Inhaltsstoff, der maßgeblich zur stimmungsaufhellenden Wirkung beiträgt.
- Hyperforin: Gilt als einer der wichtigsten Wirkstoffe für die antidepressive Wirkung; hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im Gehirn.
- Flavonoide (u.a. Rutin, Hyperosid, Quercitrin): Wirken entzündungshemmend und antioxidativ.
- Ätherische Öle: Tragen zur entspannenden und nervenstärkenden Wirkung bei.
- Gerbstoffe: Wirken zusammenziehend und schützend auf Schleimhäute.
Zusammenfassend kann Johanniskraut das Gemüt erhellen, Nervosität ausgleichen und für einen guten Schlaf sorgen. In der Volksmedizin wird es seit Jahrhunderten eingesetzt. Heute bekommst du es auch als standardisierten Extrakt in apothekenpflichtigen Präparaten bei leichten bis mittelschweren Depressionen.
Wichtige Hinweise findest du normalerweise am Ende meines Artikels, bei Johanniskraut ist aber besondere Vorsicht geboten. Denn Johanniskraut kann die Wirkung verschiedener Medikamente herabsetzen (u.a. Antibabypille, Blutverdünner, Immunsuppressiva). Außerdem erhöht es die Lichtempfindlichkeit der Haut. Bei der Einnahme von Medikamenten bitte unbedingt vorher Rücksprache mit einem Arzt oder Apotheker halten. In Schwangerschaft und Stillzeit ist Vorsicht geboten.


Johanniskraut erkennen: Die wichtigsten Bestimmungsmerkmale
Wenn du Johanniskraut selbst sammeln möchtest, solltest du es sicher erkennen können. Zum Glück hat Johanniskraut einige unverwechselbare Merkmale, die die Bestimmung am Wegesrand leicht machen.
Stängel: Das sicherste Erkennungsmerkmal ist der Stängel mit seinen zwei deutlichen Längskanten (Längsrippen). Die Kanten sind mit Bloßem Augen nicht so gut zu erkennen, aber dreht man den Stängel zwischen den Fingern, fühlt man sie sofort. Damit unterscheidet sich das Echte Johanniskraut (Hypericum Perforatum) eindeutig vom ähnlichen Gefleckten Johanniskraut (Hypericum maculatum), das vier Längskanten hat.
Blätter: Die Blätter sind gegenständig, 1–2 cm lang, länglich bis eiförmig und sitzen direkt am Stängel (ohne Stiel). Hältst du ein Blatt gegen das Licht, siehst du viele kleine helle Punkte – das sind die ätherischen Öldrüsen. Genau daher stammt der botanische Name „perforatum“: durchlöchert. Das ist ein wunderbares kleines Bestimmungserlebnis, das ich gerne bei Kräuterwanderungen nutze.




Blüten: Die leuchtend gelben, fünfblättrigen Blüten haben auffällig viele Staubfäden. An den Rändern der Blütenblätter und an den Kelchblättern finden sich schwarze Drüsenpunkte – das sind die Hypericin-Drüsen. Reibst du die frischen Blüten zwischen den Fingern, färben sie sich charakteristisch rot bis violett. Diese Rotfärbung ist ein weiteres eindeutiges Erkennungsmerkmal und gleichzeitig ein Hinweis auf den wertvollen Inhaltsstoff Hypericin.




Blütezeit und Namensgebung: Johanniskraut blüht von Juni bis August, mit einem Höhepunkt rund um den Johannistag am 24. Juni. Daher stammt auch der Name des Johanniskrauts. Kein Zufall: Die Volksmedizin wusste schon lange, dass auch genau zu dieser Zeit die Blüten am wirkstoffreichsten sind.
Standort: Johanniskraut liebt die Sonne. Es wächst an sonnigen Weges- und Wiesenrändern, auf trockenen Brachflächen, an Böschungen und in lichten Wäldern. Auf feuchten oder schattigen Standorten wirst du es nicht finden.
Johanniskraut sammeln: Wann und wie?
Die beste Sammelzeit ist, wie oben schon erwähnt, rund um den Johannistag (24. Juni), wenn die Blüten gerade aufgehen oder noch im Knospenstadium sind. Dann ist der Hypericin-Gehalt am höchsten. Sammle an trockenen, sonnigen Tagen, am besten vormittags, wenn der Tau abgetrocknet ist. Gesammelt werden die oberen Triebspitzen mit Blüten, Knospen und den obersten Blättern. Einfach mit dem Daumen oder einer Schere die letzten 10–15 cm abknipsen. Lasse aber genügend Seitentriebe stehen, damit die Vermehrung der Pflanze weiterhin gewährleistet ist.
Tipp: Johanniskrautblüten gibt es aber auch in der Apotheke oder beim Kräuterhändler deines Vertrauens, wenn du keine Möglichkeit zum Selbstsammeln hast.
Johanniskraut haltbar machen und sanft nutzen: Mit Oxymel
Eine meiner liebsten Methoden, die wertvollen Inhaltsstoffe des Johanniskrauts zu konservieren und sanft nutzbar zu machen, ist das Ausziehen in einem Oxymel. Das Oxymel allein wird schon von Alters her dazu genutzt, um die Wirkstoffe von Kräutern haltbar zu machen. Der Name leitet sich aus den Grundzutaten Essig (oxos) und Honig (meli) ab. Diese werden im Verhältnis 3 Teile Honig zu 1 Teil Essig miteinander vermischt. Schon allein diese Mischung ist Grund genug für gute Laune: Honig zeichnen seine antibakteriellen und entzündungshemmenden Eigenschaften aus, Essig hingegen wird wegen seiner entgiftenden und verdauungsfördernden Eigenschaften geschätzt. Beide zusammen beeinflussen das Mikrobiom im Darm positiv und können die Darmgesundheit unterstützen. Fügst du dieser Basis noch Johanniskrautblüten hinzu, entsteht ein kleiner flüssiger Sonnenschein im Glas. Darüber, wie schlaffördernd ein Hopfen-Oxymel wirken kann, habe ich bereits im Artikel „Mehr als Bier – Hopfen als Superfood“ berichtet.
Das vollständige Rezept für ein Johanniskraut-Oxymel mit Schritt-für-Schritt-Anleitung und Rezeptkarte findest du hier: *[→ Johanniskraut Oxymel Rezept]*
Fazit: Kleine Sonnen für trübe Tage
Grundsätzlich ist Johanniskraut eine der faszinierendsten heimischen Heilpflanzen: Leicht zu erkennen, an vielen Standorten zu finden und mit einer Wirkung, die Jahrtausende überdauert hat. Ob als Oxymel, Tee oder Ölauszug: Die kleinen Sonnen, wie die Johanniskrautblüten auch genannt werden, haben es wirklich in sich. In medizinischen Fachkreisen heißt es zwar, dass die Wirkung von nur wenigen Blüten in Tee oder eben Kräuterauszügen wie Oxymel verschwindend gering sei. Ich nehme an dunklen Wintertagen gerne einen Löffel Oxymel zu mir und fühle mich damit einfach wohler. Für mich wirkt es stimmungsaufhellend, selbst, wenn das eher der Placebo-Effekt ist. Nach meiner Auffassung lohnt es sich, diese leuchtend gelbe Pflanze in den eigenen Kräuterschatz aufzunehmen.
Bildnachweise
Alle Bilder sind von mir selbst aufgenommen und dürfen nur nach meiner Zustimmung von Dritten verwendet werden.
Quellen
Margot und Dr. Roland Spohn u.a., Kosmos-Naturführer, Das Original, Was Blüht denn da?, Kosmos Verlag 2021, 60. Auflage, S. 274.
Lust auf Natur, Heft 11, Weck Verlag, November 2019, S. 51.
Sandra Keller-Gramlich und Alexander Gramlich, Die moderne Kräuterhexe, Mit Wildkräutern und Heilpflanzen durchs ganze Jahr, Erschienen im Eigenverlag, 2024, 6. Auflage S. 33.
Dr. Eva-Maria Dreyer, Essbare Wildkräuter & ihre giftigen Doppelgänger, Wildkräuter sammeln, aber richtig, Kosmos Verlag 2020, S. 76.
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