Wurzeln schlagen, Maske fallen lassen, austreiben

Meine berufliche Neuorientierung: Wie aus einer Personalreferentin WildKrautBraut wurde und welche drei Werte mich seitdem tragen.


Ich muss zugeben: Das ist ein Beitrag, der mir nicht leichtgefallen ist. Der persönlichste, den ich bisher geschrieben habe.

Ich habe Social Media immer gemieden. Ich fühlte mich klein und unbedeutend und hatte Angst, mich der Welt zu zeigen. Besonders im Beruflichen fühlte ich mich oft gehetzt, unverstanden und wie das letzte Einhorn. Ich lebte von Woche zu Woche, von Urlaub zu Urlaub, von Frühling bis Herbst und im Winter fühlte ich mich wie tot und konnte den nächsten Frühling kaum erwarten. Am Ende eines jeden Winters war ich mehr Hülle als Mensch. Mehr Maske als ich selbst.

Dann meldete ich mich für eine Kräuterpädagogikausbildung an. Und weißt du, was ich in meinem ersten Winter als angehende Kräuterpädagogin gelernt habe? Dass im Winter nichts wirklich tot ist.

Zuvor hatte ich den Winter immer gefürchtet. Grau, trüb, endlos. Und dann nahm ich an diesem Kurs teil und begriff zum ersten Mal, was da draußen eigentlich passiert, während alles nach Stillstand aussieht. Wie die eine Pflanze all ihre mühsam erarbeiteten Inhaltsstoffe hinunter in die Wurzel zieht und dort überwintert. Wie die andere sich mit ihren Blattrosetten ganz nah an den Boden schmiegt, weg vom eisigen Wind. Wie Pflanzen all ihre Kraft in Samen stecken, die im Herbst herunterfallen, sich in Erdritzen verstecken und auf die ersten warmen Frühlingstage mit etwas Regen warten, wo sie dann aufquellen und sich recken und strecken. Wie die Bäume schon im Herbst ihre Knospen fertig anlegen, die Blätter und Blüten des nächsten Jahres, in Miniaturform, am Zweig, und einfach warten. Sie sind keinesfalls tot. Sie nehmen Anlauf.

Seitdem fällt mir das Warten auf den Frühling leicht. Ich suche schon im Winter an den Knospen nach den ersten Anzeichen, dass er bald kommt. Und heute weiß ich: Ich habe das nicht nur an den Pflanzen gelernt. Ich habe es an mir selbst erlebt. Denn ich hatte meinen eigenen Winter. Doch, wie bereits Anfang des Jahres in meinem Motto „Inga blüht auf“ angekündigt, steht die Blüte kurz bevor. Im Hintergrund laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

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Winterlandschaft in Potsdam

Warum ich lange nichts von meinem Weg erzählt habe

Ich gewähre dir heute ungewohnt tiefe Einblicke. Denn über meinen Werdegang habe ich bisher fast geschwiegen. In meinem „Über mich“ klingt es kurz an, aber so richtig, klar und deutlich, habe ich es nie benannt, geschweige denn herausgeschrieben. Warum? Aus Angst. Angst gesehen und missverstanden zu werden. Angst, meine Verletzlichkeit zu zeigen. Und Angst, nicht gut genug zu sein. Denn genau das habe ich hin und wieder zu hören bekommen. Ich habe oft eine Maske getragen, damit niemand sieht, wie es wirklich in mir aussah. Ich habe behauptet etwas zu sein, was ich nicht bin. Nur um nicht anzuecken. Nur um Everybodys Darling zu sein. Doch diese Maske hat mich behindert. Sie hat mich eingezwängt und sie hat mich fast erdrückt. Ich habe begonnen, diese Maske Teil für Teil abzulegen. So wie ein Puzzle, das Teil für Teil zurückgebaut wird. Und je mehr Teile meiner Maske ich ablege, desto freier fühle ich mich. Frei zu sein, mehr ich zu sein. Noch nie hat mir das so gut getan wie in diesem Moment. Daher schreibe ich es einfach mal heraus, ganz getreu dem Motto meiner Mentorin: „Blog like nobody’s reading.“

„Am Ende eines jeden Winters war ich mehr Hülle als Mensch.“

Der Tag, an dem der Kern zerredet wurde

Es gibt diesen einen Moment, der für alles steht. An dem mich die Maske fast zerdrückt hat. Wo ich merkte, dass es so nicht weitergehen kann. Ich durfte ein Urlaubsschreiben entwerfen. Und weißt du was? Ich liebe das eigentlich. Das Formulieren, das Ausloten der rechtlichen Grenzen, das Recherchieren, dieses Ringen, bis eine Sache endlich in den richtigen Worten auf dem Papier steht. Ich habe im Großen und Ganzen den Sinn dahinter verstanden, warum es notwendig war, so etwas zu erstellen und an die Mitarbeiter herauszuschicken. Und trotzdem sträubte sich alles in mir, weil es meinem eigenen innersten Selbst widersprach.

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Und dann wurde es zur Diskussion freigegeben

Anschließend kam es in die Runde. Mein Vorgesetzter gab es „zur Diskussion frei“, nahm an den ersten Terminen selbst nicht teil, war aber unzufrieden, dass die Umsetzung viel länger dauerte als geplant. Und ich hatte das Gefühl, er gab mir die Schuld dafür. Die Gruppe: Rechtskenner wie ich und Laien, die Meinungen drifteten in alle Richtungen. Am Ende blieb von dem, was ich daraus gemacht hatte, kaum etwas übrig. Was blieb, war eine Hülse, die auf Biegen und Brechen alle Meinungen in sich vereinen sollte. Wischiwaschi. Der Kern des Ganzen wurde in meinen Augen einfach zerstört. Ich habe es trotzdem fertig gemacht. Aber die Lust? Weg. Dabei war das eine Aufgabe, auf die ich mich gefreut hatte.

„Ich habe es trotzdem fertig gemacht. Aber die Lust? Weg.“

Bei einem anderen Projekt ging es mir genauso. Am Ende überließ ich den letzten Rest meiner Kollegin, weil in den Diskussionsgruppen so lange daran gezupft und so darauf rumgetrampelt wurde, bis nur noch ein trauriger Rest übrig war. Irgendwann hatte ich die Lust an Projektgruppen ganz verloren und musste trotzdem mit guter Miene weitermachen. Das war unbefriedigend. Demotivierend. Es saugte mich aus, statt mich zu füllen. Und ich wurde weiter und weiter unerfüllt im Job.

Zurückgezogen in die Wurzel

Verstehst du jetzt den Winter? Mein Winter entstand durch diese Rasenmäher-Manier. Mein Wachstum wurde gestutzt und alle oberirdische Grün abgesäbelt. Wie nach einer Frostnacht sind meine Blätter erstarrt und am nächsten Morgen abgefallen. Ich fühlte mich all meiner Kraft beraubt. Was mir damals nicht bewusst war, doch heute umso deutlicher: Unbemerkt hatte sich meine Energie, wie bei den Pflanzen, aus dem sichtbaren Teil zurückgezogen. Es war gefühlt nichts mehr übrig. Die Hülle, die übrig blieb, fühlte sich leer an. Doch, wenn ich so zurückblicke, war ich nicht leer. Alles hatte sich hinuntergezogen in die Wurzel. Nicht tot. Aber tief unten. Wartend. Auf den Frühling. Auf eine Energie, die mich wieder zum Erblühen bringt.

Eine aufplatzende Fliederknospe in der die Blüten in Miniatur schon angelegt sind.

Wie das Grün mich zurückholte

Und dann kamen die Kräuter. Mein Weg zur Kräuterpädagogin. Genau in jenem Winter der Ausbildung, in dem ich zum ersten Mal die Knospen suchte, entdeckte ich noch etwas anderes: dass ich das Recherchieren und Schreiben weiterhin liebe. Anders ist daran aber, dass es meins sein darf, denn am Ende zerredet mir niemand mehr den Kern. Er darf bleiben, wie er ist. Wie ich bin. Und das fühlt sich so gut an.

„Ich brauche mehr Grün“, habe ich damals immer gesagt. Ziemlich unscharf, das gebe ich zu. Ich dachte, das hieße: raus, mehr draußen sein. Aber, und das war im Laufe der Zeit eine echte Erkenntnis, mehr Grün bedeutet für mich gar nicht zwangsläufig, mehr draußen zu sein. Mehr Grün heißt in meinem Fall einfach, mit Pflanzen umgeben zu sein, analog wie digital. Über Wildpflanzen schreiben, kreativ mit ihnen basteln, kochen, Rezepte entwickeln. Das ist genauso grün. Nur eben nicht immer unter freiem Himmel. Bis dahin war es ein langer Weg. Anderthalb Jahre ungefähr. Und meine Entdeckungsreise ist noch längst nicht abgeschlossen.

„Mehr Grün heißt für mich: mit Pflanzen umgeben sein, analog wie digital.“

Wie es sich heute anfühlt

Heute sitze ich allein an meinem Arbeitsplatz zu Hause und schreibe mir die Seele aus dem Leib. Ich habe Ruhe. Vorher: ein Zweimann-Büro, dieses laute Telefonieren, ständig standen Leute am Tresen und wollten etwas, das Telefon klingelte ohne Pause, ich wurde von Meeting zu Meeting gehetzt. Heute? Mein Telefon ist lautlos. Ich schreibe, wenn mir danach ist. Und wenn mich eine kreative Flaute erwischt, mache ich in der Zeit eben Optimierungsarbeiten, bis die Muse mich wieder küsst und die Ideen wieder aus mir heraussprudeln wie ein frischer Bergquell. Ich fühle mich freier, ungezwungener, ruhiger. Bis auf die Tage, an denen mich ein Kreativitätsflash packt. Da bin ich genauso getrieben wie früher, denn dann will ich die Ideen aus meinem Kopf haben, bevor sie wieder versiegen. 😅 Mal lege ich einen Tag in der Natur ein, sammle oder drehe Videos. Und es gibt keinen einzigen Ausflug, von dem ich nicht mit einer Flut an Bildern zurückkomme. Den Hauptteil aber verbringe ich am Laptop und schreibe. Und es tut mir richtig, richtig gut.

Bald kommen Kräuterwanderungen dazu und Kochkurse am offenen Feuer. Ob das genau das Richtige für mich ist, werde ich ganz genau in mich hineinspüren. Wir werden sehen.

WildKrautBraut, wie sie auf einem grünen Pfad in der Natur läuft.

Drei Werte, die mich tragen und eine Einladung an dich

Wenn ich heute in mich hineinhorche, kann ich endlich benennen, was mich trägt. Drei Werte:

Selbstständigkeit – die Dinge in der eigenen Hand haben und aus eigener Kraft zum Laufen bringen. Kein fremder Fahrplan, kein zerredeter Kern.

Echtheit – das Wahre, aus erster Hand. Bei anderen spüre ich sofort, wenn Sagen und Tun auseinanderfallen. Und bei mir habe ich lange gebraucht, um die Maske abzunehmen und einfach zu schreiben, wie es mir in den Sinn kommt. Meine eigene Handschrift, ich würde sie auch Ausdrucksweise nennen, wird immer mehr ich.

Resonanz – wirken und den Widerhall spüren, dass sich etwas bewegt. Gesehen und verstanden werden. Genau darum sitze ich an solchen Texten.

„Du musst heute nicht blühen.“

Und jetzt du. Vielleicht steckst auch du gerade in deinem eigenen Winter und fragst dich, ob da noch etwas kommt. Vielleicht helfen dir folgende drei Fragen, sie sind zumindest mein kleiner Kompass geworden:

  1. Ist das meins oder mache ich das, weil man es angeblich so macht?
  2. Steckt das echte Ich darin, oder eine Maske?
  3. Kommt etwas zu mir zurück oder sende ich nur ins Leere?

Du musst heute nicht blühen. Vielleicht liegst du auch nur auf der Lauer, die Kraft schon unten in der Wurzel gesichert, die Knospe längst angelegt. Und dann, an den ersten warmen Tagen, treibst du aus.

Kannst du deine Knospen schon sehen?

Grüne Grüße

Inga

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Wichtige Hinweise

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei ernsthaften Beschwerden oder Erkrankungen wende dich bitte an einen Arzt oder eine Ärztin.

Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit und reagiert auf die Pflanzen die uns umgeben ganz einzigartig. Daher sollten Allergiker besondere Vorsicht walten lassen. Grundsätzlich weise ich daher darauf hin, dass der Genuss von Wildpflanzen bei empfindlichen Menschen Allergien auslösen kann. Wenn du damit noch keine Erfahrung gemacht hast, oder dir unsicher bist, probiere erstmal kleine Mengen aus und beobachte, wie du darauf reagierst. Wenn dein Körper darauf nicht negativ reagiert, kannst du die Portionen von Mal zu mal steigern, bis du dir ausreichend sicher sein kannst, dass du diese ganz besondere Pflanze verträgst.

Alle publizierten Inhalte in diesem Artikel sind sorgfältig recherchiert, in meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin erlernt und nur als Anregung und zur Unterhaltung gedacht. Sie können den Arztbesuch nicht ersetzen, den ich bei körperlichen Beschwerden immer empfehle. Kräuter, Bäume und Pilze, die ich hier vorstelle, sammle und verarbeite ich für den Eigengebrauch. Bei Zweifel oder Unsicherheiten rate ich, sich an Experten, gerne an mich, zu wenden oder im Rahmen einer Wildkräuterwanderung unter Aufsicht des Kräuter- und Pilzkundigen zu sammeln. Im Zweifel stehen lassen.

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