Wenn mich jemand nach meiner Lieblingsfarbe fragt, sage ich wie aus der Pistole geschossen: Pink. An zweiter Stelle Grün. Punkt. So ist das eigentlich. Zumindest dachte ich das bisher. Und dann stellt meine Bloggerkollegin Susanne Heinen diese eine Frage – „Die Farbe meiner Kindheit: Welche Farbe trage ich in mir und woran erinnert sie mich?“ und plötzlich schiebt sich vor mein inneres Auge etwas ganz anderes. Kein Pink. Kein Grün. Sondern: Lila.
Lila??? Wie komme ich denn jetzt darauf???
Aber je länger ich der Farbe und dem Ursprung dieses Gedankenblitzes nachging, umso mehr Bilder kamen. Ein ganzer Strauß davon, wenn ich ehrlich bin. Und alle rochen sie nach Kindheit. Nach Oma. Nach diesem einen Tag im Mai in Brandenburg, an dem immer eines ganz besonders schön blühte. Ja, stimmt. Meine Kindheitsfarbe ist lila. So klar und so unumstößlich, dass ich beeindruckt innehielt und erstmal Artikel für fünf andere Blogparaden
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Denn meine Farbe stand ja fest. Und der Entschluss auch: Darüber schreibe ich für Susannes Blogparade. Aber warum ausgerechnet Lila? „Der letzte Versuch“? Lies weiter, dann erkläre ich es dir gerne.
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Lila ist der Flieder am Vatertag
Das erste Bild, das kommt, ist der Flieder. Diese großen, duftenden Blütenkerzen, die Jahr für Jahr aus den Büschen wachsen und die man über die Landschaft verteilt schon von Weitem sehen kann. Als Kind habe ich den Flieder ganz fest mit dem Vatertag verbunden, mit Christi Himmelfahrt. Und wenn ich an die neunziger Jahre in Brandenburg denke, dann sehe ich Traktoren und Kremser, über und über geschmückt mit frisch erblühtem Flieder, und darauf grölende Männer, die von Kneipe zu Kneipe gefahren wurden. Oder ihre Fahrräder, dekoriert mit den lila Blütenkerzen des wilden Flieders. Am Morgen standen die Blütenkerzen noch stolz. Im Laufe des Tages ließen sie, wie so manch einer der Herren wohl auch, langsam die Köpfe hängen. Ich war schon als Kind ein Flieder-Fan. Weißt du, dass man den Nektar aus den kleinen Einzelblüten saugen kann? Man zieht die Blüte an der Basis heraus und zutscht am unteren Ende, und wenn man Glück hat, bekommt man einen Hauch von Süße ab. Ich hatte oft Glück.
Ein Duft kann nicht lila sein? Für mich schon!
Und dann ist da dieser Duft. Dieser Fliederduft, der sich im ganzen Haus verteilte, wenn Mama einen Strauß pflückte und ihn in die große Vase auf den Tisch stellte. Unwiderstehlich. Mal hielt der Strauß lange, mal ließ er schon am ersten Tag traurig die Köpfe hängen, genau wie die Männer auf den Traktoren. Heute, als Kräuterpädagogin, weiß ich, woran das schnelle Welken zumindest in der Vase liegt und dass in jeder kleinen, unscheinbaren Knospe schon das ganze Wunderwerk der Blüte in Miniatur angelegt ist. Aber das ist eine andere Geschichte, für einen anderen, frühlingsgrünen Wissensbeitrag. Damals wusste ich nur eins: Wenn der Flieder kam, war der Sommer nicht mehr weit. Und Omas Tipp, die Stängel unten mit dem Hammer platt zu klopfen, damit der Strauß länger hält, klang so herrlich befremdlich, dass ich ihn nie vergessen habe. Er funktioniert übrigens, weil sich damit die Fläche der Stängel vergrößert und sie damit mehr Wasser aufnehmen können.



Lila sind erntereife Holunderbüsche im Spätsommer…
Das zweite Bild ist dunkler, tiefer, samtiger. Nicht das helle Lila der Fliederkerzen, sondern das satte Violett reifer Holunderbeeren. Oft habe ich meine Großeltern bei der Holunderernte begleitet. Büsche voller reifer Holunderdolden schieben sich in meine Lilasession. Wusstest du, dass der Blüten- und Fruchtstand des Holunders eigentliche eine Trugdolde ist? Normalerweise gehen die gleichlangen „Strahlen“ der Dolde immer von einem einzigen Mittelpunkt ab, davon oft nochmal kleinere „Strählchen“ vom Endpunkt der Strahlen. Das erklärt die schirmförmige Optik von Doldenblüten. Es gibt aber auch Trugdolden, wie beim Holunder oder der Schafgarbe, die sehen auch wie kleine Schirme aus, aber die „Strahlen§ sind unterschiedlich lang und haben teils unterschiedliche Ursprünge. Soweit ein kleiner Exkurs, da überkam mich meine Kräuterpädagogik. Aber mit den Holunderbüschen verbinde ich auch Grillenzirpen, denn die Büsche standen oft am Feldrand. Warme Sonne auf der Haut, ein Greifvogel der einsam seine Kreise am Himmel zieht und auf dem nahen Feld nach Beute sucht. Manchmal auch Brennnessel und Mückenstiche. Wenn es noch warm war, hatten wir bei der Ernte natürlich auch dementsprechend wenig an. Einweise haben wir den Holunder oft nach Hause getragen. Diese Tradition habe ich oft mit meiner Mutter weitergeführt. Später auch mit meinem Traumprinzen. Es ist immer ein besonderes Ereignis für mich, das mich warm an meine Kindheit zurückdenken lässt.

Lila ist auch Omas Holundersuppe…
Und schwupp bringt mich das Bild reifer Holunderbeeren zu meiner Oma zurück. Auf dem Gutshof meiner Großeltern in Groß Kreuz durfte ich Kind sein, so richtig. Stromern auf den Koppeln und im nahegelegenen Stall, naschen von reifen Himbeeren und Johannisbeeren vom Strauch in ihrem Garten. Mein Opa fuhr uns Kinder in einem Handwagen mit Fahrradrädern hinter in den Garten. Unbeschwerte Stunden und Familienfeiern. Und meine Oma war das Bindeglied der ganzen Familie. Sie hielt uns alle zusammen, mit kleinen Schnittchen am Abend, mit Most aus der Speisekammer und, wenn eins von uns Enkeln mit Fieber im Bett lag, mit ihrer Holundersuppe. Diese Suppe war fast so etwas wie eine Umarmung von Oma in Schüssel-Form. Sie brachte uns ins Schwitzen, wärmte Bauch und Seele und machte irgendwie alles ein bisschen besser. Über sie habe ich schon in meinem Holunder-Artikel und beim Holundersuppen-Rezept geschrieben und beim „Lila?! Aaah, ja!!“ ist sie plötzlich wieder da. Meine Oma.

…und der Schreck aufgescheuchter Vögel
Und dann ist da diese eine Geschichte, an die ich denken muss, wenn ich „lila“ höre, an Holunder denke und wie er von meiner Oma stundenlang geduldig mit einer Gabel abgezogen hat. Und die mich heute noch grinsen lässt. Meine Oma saß , wie jeden Spätsommer, vor dem Keller und zog wieder die Früchte mit der Gabel von den Holunder-Dolden. Dabei ging immer die ein oder andere daneben. An einem Tag hatte sie frische weiße Wäsche gewaschen und auf die Leine im Hof gehängt. Kaum trug sie den vollen Eimer Holunderfrüchte in die Küche, um sie im Dampfentsafter zu leckerem Saft auskochen zu lassen, nutzten die Vögel die Gelegenheit und naschten die heruntergefallenen Beeren. Als Oma zurückkam, schreckten sie auf und hinterließen vor lauter Schreck ihre Andenken. In schönstem Lila. Quer über die frisch gewaschene weiße Wäsche. Wie hat meine Oma sich geärgert. Diese Erinnerung ist unumstößlich eine weitere lila Erinnerung an meine Kindheit.
Was bleibt, wenn ich der Farbe Lila nachspüre?
Genau! Nicht Pink, nicht Grün. Es ist Lila, die Farbe meiner Kindheit. Sie erinnert mich an das Sausen des Frühlingswindes über die Landschaft in blühende Fliederbüsche hinein. An lila geschmückte Fahrräder und Kremser an einem ganz besonderen Tag im Mai. An Nektar auf der Zunge. An den Flieder-Duft, der das Haus durchzog. Aber auch an meine Oma, die die ganze Familie zusammenhielt und deren Liebe man löffeln konnte. An voll behängte Holunderbüsche, Holundersaft-Flaschen in der Speisekammer und mühevolles abziehen der Beeren von den Dolden mit einer Gabel. Und zu guter Letzt an aufgeschreckte Vögel, die vor lauter Schreck lila Flecken auf der weißen Bettwäsche hinterlassen, die zum Trocknen auf dem Hof hing.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum sich beim Wort „Kindheit“ nicht mein heutiges Pink meldet, oder Grün, sondern das Lila von damals. Denn heute weiß ich, was Susanne so schön schreibt: Erinnerungen duften nicht nur in Farben. Manchmal haben sie auch einen ganz bestimmten Geschmack oder ein Gefühl. Denn meine Kindheitserinnerung duftet nach Flieder, schmeckt nach Holundersuppe und fühlt sich wie Omas Umarmung an.
Und du? Welche Farbe trägst du in dir, wenn du an deine Kindheit denkst? Oder hast du sogar ein Lieblingsrezept, dass du mit deiner Kindheit verbindest? Dann nimm gerne an meiner Blogparade teil: „Mein Lieblingsrezept mit Wildkräutern, -früchten oder Pilzen„

Dieser Beitrag entstand zur Blogparade „Die Farbe meiner Kindheit“ von Susanne Heinen. Schau unbedingt vorbei und lies dich durch die anderen Kindheitsfarben. Insbesondere Susannes Kindheitsfarbe hat mich wehmütig an zurückdenken lassen. Eine andere Farbe meiner Kindheit: Grün, wie Zeltplatz, verlassene Bungalows in den letzten eher waldigen Ecken innerhalb des Zeltplatzgeländes. Ein Sichtschutz aus Cannas am Stellplatz meiner Großeltern und einen großen alten Kirschbaum. Aber Grün bliebt diesmal Susanne vorbehalten.
Bilder
Das Beitragsbild ist KI-modifiziert. Alle übrigen Bilder sind selbst fotografiert und teilweise erwerbbar bei: shutterstock.
