Mein Kraftort hat keine Koordinaten, er hat Jahresringe

Manchmal legt man sich in seinem Kopf auf einen Ort fest, ist sich ganz sicher, das ist er, das ist mein Platz auf dieser Welt und dann merkt man Monate später, dass man die ganze Zeit etwas anderes gemeint hat. So ging es mir mit meinem Kraftort. Und weil gleich drei liebe Bloggerkolleginnen genau danach fragen, nehme ich dich heute mit an einen Ort, der eigentlich viele Orte ist.

Dieser Artikel ist mein Beitrag zu gleich drei Blogparaden auf einmal: zu Birgit Rotters Aufruf „Das ist mein Sehnsuchts-/Kraftort“, zu Birgit Buchmayers Blogparade „Die Natur als Kraftquelle“ und zu der Frage von Sadhana Kraus alias Flowerpowergarten „Welcher Ort ist dein Kraftort?“. Drei Bloggerinnen, ein Thema, ein Herzens-Artikel. Kommst du mit?

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Mein Kraftort, eine alte Eiche

Von der einen Eiche zu den vielen Riesen

Wenn du meinen Jahresrückblick 2025 gelesen hast oder meinen Artikel über die Eiche, dann kennst du sie schon: die eine Eiche am Teufelssee in Potsdam. Die war für mich lange DER Kraftort. Ich hatte mir sogar mal vorgenommen, ihr mindestens zweimal im Monat einen Besuch abzustatten und diesen Vorsatz dann irgendwann still und heimlich wieder aus meinen Quartalszielen gestrichen. Umgesetzt habe ich ihn ohnehin nicht. Schön wär’s gewesen.

Aber weißt du was? Ich habe in den letzten Monaten oft an meine Eiche gedacht. Wann finde ich endlich mal wieder Zeit für sie? Und während ich so an sie dachte, ist mir langsam etwas ganz anderes bewusst geworden. Es ist nämlich gar nicht diese eine Eiche. Es sind die alten Bäume überhaupt. Solche suche ich inzwischen regelmäßig auf. Nicht die eine, sondern viele. Ich schaue, wie es ihnen geht, ob ein Sturm sie geholt hat, oder ich schleiche einfach nur ehrfürchtig um ihre gewaltigen Stämme herum, schaue hinauf in ihre Kronen, spüre die Rinde unter meiner Hand. Und manchmal – ja, ich weiß, wie das klingt – lege ich ein Ohr an die Borke und lausche, ob sie mir etwas zu sagen haben.

Als die Eiche zu knistern begann

Angefangen hat das mit meiner Lieblingseiche. Mitten im Februar, kalt, still, und auf einmal knisterte sie unter meinem Ohr. Einfach so. Andere Bäume habe ich seitdem knarren hören. Und immer, wenn einer knarrt, habe ich das Gefühl, er begrüßt mich wie einen alten Freund, der sich freut, dass ich mal wieder vorbeischaue. Da ist zum Beispiel eine alte Weide, die eigentlich nur noch aus einem Stumpf besteht. Ihre Krone ist letztes Jahr abgebrochen und liegt jetzt neben ihr im Gras. Und trotzdem – hier und da treibt sie noch ein paar grüne Zweige aus. Was mich an ihr am meisten fasziniert, ist ihr Stamm: der ist in sich verdreht. Das fällt mir bei vielen alten Bäumen auf, und jedes Mal habe ich dasselbe Bild im Kopf. Wie der Wind sie über die Jahre um die eigene Achse dreht, ein Tänzchen mit ihnen aufführt. Und weil es in ihrer Natur liegt, drehen sie sich danach nicht wieder zurück. Sie bleiben in ihrer Verdrehung. Beim nächsten Sturm drehen sie sich noch ein Stück weiter. Ich habe mal gelesen, das läge an Magnetfeldern oder so ähnlich. Aber ehrlich gesagt, gefällt mir gefällt das Bild vom Tänzchen mit dem Wind besser.

Manchmal spüre ich auch – nichts

Jetzt könntest du denken, ich umarme einen Baum und werde jedes Mal von Kraft durchflutet. So ist es nicht. Ich lehne mich an einen der alten Riesen, spüre in mich hinein und manchmal kommt da einfach nichts. Anfang Juni traf ich bei Schloss Derneburg auf einen alten Ahorn. Beeindruckend, keine Frage, ich fühlte mich sofort angezogen. Oder die alte Buche im Schlosspark von Altdöbern. Es brauchte fünf meiner Mädels, um ihren Stamm zu umfassen, mehrere hundert Jahre alt muss sie sein. Aber auch da: nichts. Vielleicht, weil ich nicht allein war, sondern mit anderen unterwegs. Ich weiß es nicht.

Die Eiche, die Sängerin und die Kraft

Aber dann, Ende Juni, in einem Waldstück bei Graal-Müritz, eine Begegnung, die mir bis heute nachgeht.Es war abends, und in unserer Ferienwohnung war das Klopapier ausgegangen. Die Abkürzung zum nächsten Laden führte durch ein Stück Wald. Und in diesem Wald standen ein paar richtig alte Bäume, darunter zwei Eichen direkt am Wegrand. An der ersten blieb ich stehen, weil ganz in der Nähe eine Sängerin mit Gitarre übte. Ihr Gesang ging mir durch Mark und Bein. Ich legte die Hand an die Rinde, fühlte, ob die Eiche mir etwas sagen wollte, und genoss einfach den Moment und diese wunderschöne Musik. Von der Eiche kam nichts. Als das Lied zu Ende war, klatschte ich Beifall, wir wechselten ein paar Worte: sie war vom Strand weg, weil ihr dort dauernd die Notenblätter davonflogen. Keine zwanzig Schritte weiter: die nächste alte Eiche. Und wieder dieser Impuls, Kontakt aufzunehmen. Nur habe ich diesmal etwas anderes gemacht. Ich habe sie innerlich gefragt, ob sie mir wohl einen Teil ihrer Kraft schenken mag. Und da, ganz deutlich, spürte ich, wie eine unbändige Kraft durch meine Hand und meinen Arm strömte. Es mag Einbildung gewesen sein. Aber in diesem Moment war sie es: eine alte, namenlose Eiche am Wegrand, irgendwo hinter Graal-Müritz, war mein Kraftort.

Warum gerade die Alten?

Im Nachhinein sehe ich es auch bei all den anderen so. Nicht immer war es so überwältigend wie bei dieser Eiche. Aber jedes Mal war ich im Hier und Jetzt und habe die Anwesenheit dieser uralten Riesen genossen. Und das gibt mir genauso Kraft. Ich muss es gar nicht immer so gewaltig spüren. Was mich an ihnen anzieht, ist ihre Weisheit. Ihre Ruhe. Sie stehen seit Jahrhunderten an derselben Stelle und haben die Menschen an sich vorbeiziehen sehen – die ausladenden Kleider des Barock, den Prunk des Rokoko – und wundern sich vermutlich, was wir heute für komische Beinkleider tragen. Vom alten Glanz ist nichts mehr übrig. Früher haben die Menschen sicher viel länger in ihrem Schatten verweilt, die Schlossherren wussten das Leben zu genießen. Heute eilt alles vorbei, getrieben von Zeitdruck und Hektik. Kaum einer hebt noch den Blick und nimmt die Riesen überhaupt wahr. Selbst Urlauber, die extra in die Parks kommen, um genau diese Bäume als Sehenswürdigkeit zu bestaunen, hätten eigentlich alle Zeit der Welt, haken doch nur ab und hetzen zum nächsten Programmpunkt. Doch die weisen Riesen bleiben. Standhaft. Sie stellen sich den Stürmen entgegen, verlieren mal einen Ast, mal die ganze Krone – und treiben trotzdem weitere Jahrhunderte einfach wieder aus. Sie haben über all die Zeit ihren Weg gefunden.

Und was ist mit dem Verbiegen?

Da fällt mir gerade etwas auf, während ich das schreibe. Diese Bäume, deren Stämme sich um die eigene Achse drehen, die haben sich ja eigentlich verbogen. Und trotzdem sind sie majestätisch groß geworden. Heißt es nicht überall, man solle sich bloß nicht verbiegen lassen? Ich habe mich lange verbogen. Meine Rinde hat dabei Blessuren abbekommen, und manchmal ist es wirklich schmerzhaft und kräftezehrend, so verdreht immer weiterzumachen. Aber die alten Bäume erzählen mir eine andere Geschichte. Bei ihnen ist die Verbiegung kein Makel. Sie ist Teil ihres Wuchses. Und aus genau dieser Verdrehung ist etwas Großes, Standhaftes, Ehrwürdiges geworden.

Vielleicht ist das der Gedanke, den ich bei solchen besonderen Begegnungen mit nach Hause nehme.

Was bleibt

Was genau ich aus all dem für meinen Alltag mitnehme, kann ich nämlich gar nicht so sauber in Worte fassen. Aber eines weiß ich ganz sicher: Die alten Bäume sind meine Freunde. Wenn ich sie brauche, sind sie da. Und wenn ich sie um Kraft bitte, dann geben sie sie mir. Es ist eben nicht der eine Ort und nicht der eine Baum. Es sind die alten Baumriesen im Allgemeinen, wie sie stoisch die Jahrhunderte überdauert und überlebt haben. Manchmal stelle ich mir vor, was sie alles erzählen würden, wenn sie reden könnten. Und dann knarrt einer, und ich bin mir für einen Moment ganz sicher: Er hat mich erkannt.

Und du? Hast du auch so einen alten Riesen in deiner Nähe, um den du schon mal ehrfürchtig herumgeschlichen bist? Oder ist dein Kraftort ein ganz anderer? Erzähl es mir! Ich bin schon gespannt.

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Wichtige Hinweise

Alle publizierten Inhalte in diesem Artikel sind sorgfältig recherchiert, in meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin erlernt und nur als Anregung und zur Unterhaltung gedacht. Sie können den Arztbesuch nicht ersetzen, den ich bei körperlichen Beschwerden immer empfehle. Kräuter, Bäume und Pilze, die ich hier vorstelle, sammle und verarbeite ich für den Eigengebrauch. Bei Zweifel oder Unsicherheiten rate ich, sich an Experten, gerne an mich, zu wenden oder im Rahmen einer Wildkräuterwanderung unter Aufsicht des Kräuter- und Pilzkundigen zu sammeln. Im Zweifel stehen lassen.

Alle Inhalte und Fotos in diesem Artikel werden ausschließlich von mir produziert und dürfen nur nach Absprache und mit meiner Zustimmung von Dritten verwendet werden.

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