Giersch erkennen und nutzen – Vom Unkraut zum Superfood

Giersch (Aegopodium podagraria) gehört zu den Wildkräutern, die in deutschen Gärten und Parks fast überall anzutreffen sind – und die bei vielen Gartenbesitzern für Frust sorgen. Verbleibt auch nur ein kleines Wurzelstück der unterirdischen Ausläufer im Boden, so „beglückt“ der Giersch auch im Folgejahr wieder seine Widersacher. Er scheint schier unerschöpflich immer wieder aus dem Boden zu sprießen. Ein Kampf gegen Windmühlen. Dabei lohnt es sich, dieses robuste Kraut einmal mit anderen Augen zu betrachten: als köstliche, nährstoffreiche Zutat ohne viel Pflegeaufwand. Denn hat sich der Giersch einmal angesiedelt, sprießt er selbst nach den motiviertesten Unkrautvernichtungseinsätzen munter in jeder Ecke des Gartens.

Giersch erkennen und nutzen

Meine persönliche Giersch-Geschichte

Giersch ist eines der ersten Kräuter, die im Erwachsenenalter meine Liebe zu den Wildkräutern wiedererweckt haben. Als ich ihn das erste Mal bei meinen Schwiegereltern im Schrebergarten entdeckte, war ich begeistert – sie dagegen verblüfft. Sie kämpften seit Jahrzehnten gegen dieses hartnäckige Kraut an, und ich fragte freudestrahlend: „Yeah, wie toll! Bei euch wächst Giersch. Kann ich den haben?“ Flux haben wir ein schönes Abkommen getroffen: Ich zupfe regelmäßig den Giersch ab, halte ihn durch das Ziehen der ein oder anderen Wurzel in Zaum – und meine Schwiegereltern lassen ihn für mich stehen. Eine Win-Win-Situation, wie ich fand.

Giersch nutzen als Balkonpflanze?

Meine Geschichte war mit dem Abkommen jedoch noch nicht beendet. Denn dieses Jahr wartete im Frühjahr eine Überraschung auf mich. Meine Schwiegereltern waren schon zeitig eifrig im Garten zu Gange und haben die Verbreitung des Giersch vom letzten Jahr stark eingedämmt. Als Friedensangebot haben sie mir stolz ein paar Wurzelstücke mit einigen neuen Trieben überreicht. Ob ich nicht Lust habe, die vor oder auf meinem Balkon einzupflanzen. Ich konnte nicht lange böse sein. Gesagt getan, habe ich die Wurzelstücke in einer mit Gartenerde gefüllten Obstkiste eingepflanzt. Dort tummelt sich der Giersch nun in trauter Eintracht mit Vogelmiere und Knoblauchsrauke, die sich bereits letztes Jahr selbst bei mir ausgesät haben. Bisher scheint er sich wohl zu fühlen, zu den ersten zaghaften Blättern gesellen sich von Woche zu Woche mehr.

Wildkräuter auf meinem Balkon, Giersch erkennen und nutzen - vom Unkraut zum Superfood
Wildkräuter auf meinem Balkon in trauter Dreisamkeit: Knoblauchsrauke, Vogelmiere und Giersch.

Was steckt eigentlich im Giersch? Nährstoffe und Inhaltsstoffe

Giersch ist weit mehr als nur ein lästiges Unkraut – er ist ein wahres heimisches Superfood. Er steckt voller wertvoller Mineralien und Vitamine (insbesondere Vitamin A und C) sowie Harz, ätherischem Öl, Flavonoide und Phenolcarbonsäuren. All das macht ihn zu einem wertvollen Beitrag zu einer gesunden und ausgewogenen Ernährung, wenn man denn bereit ist, ihn darin zu integrieren.

Giersch in der Küche: Vielseitig und köstlich

Am besten schmecken die jungen, zarten Blätter, die im Frühling sprießen– oft schon ab März/April. Sie sind sehr schmackhaft in Salaten. Du erkennst sie daran, dass sie noch leicht zusammengefaltet sind und glänzen. Ältere Blätter sind voll entfaltet und haben den Glanz bereits verloren. Die schon festeren Blätter eignen sich wunderbar zum Aromatisieren. Dabei sind die Möglichkeiten in der Küche erstaunlich vielfältig: Giersch lässt sich u.a. als Limonade, Würzkraut oder Salatbeigabe verwenden. Sogar Marmelade und Gelee lassen sich daraus zaubern. Kein Wunder also, dass man immer öfter in Büchern und im Internet liest: „Nicht bekämpfen, sondern einfach aufessen.“

Warum wächst Giersch immer wieder? (K)eine Hexerei

Viele Gärtner schimpfen über den Giersch – und das nicht zu Unrecht. Er scheint schier unerschöpflich zu wachsen und verbreitet sich hartnäckig. Der Grund: Giersch vermehrt sich nicht nur oberirdisch über Samen, sondern auch über unterirdische Ausläufer (sogenannte Rhizome, auch typisch für Frühblüher). Da es kaum möglich ist, alle Ausläufer beim Jäten zu erwischen, taucht das Kraut nach einer Unkrautbeseitigungsaktion trotzdem immer wieder auf. Für Anfänger in der Wildkräuterküche ist das eine gute Nachricht: Der Giersch kommt zu euch, nicht umgekehrt! Selbst im Bekanntenkreis höre ich immer öfter, dass Gemüse- und Obstbauern auf den Zug aufspringen. Früher ärgerten sie sich über den wild wuchernden Giersch auf ihren Höfen und Feldern. Inzwischen wird er abgemäht, um ihn als Handsträußchen auf dem Wochenmarkt zu verkaufen

Wo finde ich Giersch? Fundorte

So unverwüstlich der Giersch ist, hat er sicherlich auch in deiner Nähe ein Plätzchen gefunden. Er wächst bevorzugt in schattigen bis halbschattigen Bereichen: in Gärten, an Waldrändern, in Parks und auf Brachflächen. Das Beitragsbild ist zum Beispiel am Rand eines Garten umgeben von Wald aufgenommen. Ein typischer Wuchsort für Giersch. Wenn du keinen Garten hast und selbst keinen Giersch findest, schau mal auf einem Wochenmarkt vorbei – dort kommt der Verkauf langsam in Mode, habe ich mir sagen lassen.

So erkennst du Giersch – Einfache Bestimmungsmerkmale für Anfänger

Giersch gehört zur Familie der Doldenblütler und kann mit anderen u.a. giftigen Pflanzen verwechselt werden. Daher ist es wichtig, ihn sicher bestimmen zu können, bevor du ihn sammelst. Der Geruch der Blätter, wenn du sie zwischen den Fingern zerreibst, erinnert leicht an Petersilie oder auch Möhre, was kein Zufall ist, denn alle gehören zur selben Pflanzenfamilie. Alle sind Doldenblütler, leicht erkennbar an den großen Blütenschirmen, wenn sie blühen. Wenn du die Erkennungsmerkmale aus eigener Anschauung lernen möchtest, empfehle ich dir eine Kräuterwanderung mit einer erfahrenen Führung. Dort erfährst du sicher auch von der Bestimmungsregel: „Drei, drei, drei – bist beim Giersch dabei.“ Sie bezieht sich auf den im Querschnitt dreikantigen Stängel, der sich in drei kleine Stängel aufteilt, an denen die Blätter wachsen. Und die überwiegend dreifach geteilten Blätter, die aber auch gar nicht so selten zusammengewachsen sind.

Die wichtigsten Erkennungsmerkmale auf einen Blick:

  • Der Blattstiel ist im Querschnitt dreieckig – das ist das auffälligste Merkmal!
  • Der Blattstiel teilt sich nochmal in drei kleine Stängel, an denen die Blätter wachsen.
  • An diesen kleineren Stielen sich meistens nochmal drei Blätter, wobei das oberste Blatt sich überwiegend nochmals in drei Teile aufteilt (dreifach gefiedert).
  • Der Blattrand ist gesägt (wie kleine Zähne).
  • Im Sommer erscheint eine Doppeldolde mit weißen Blüten.
  • Beim Zerreifen der Blätter entsteht ein charakteristischer Geruch, der an Möhre und Petersilie erinnert – beide sind Verwandte des Gierschs.

Wichtiger Hinweis für Anfänger: Verwechslungsgefahr beachten!

Als Doldenblütler kann Giersch theoretisch mit giftigen Verwandten wie dem Geflecktem Schierling (wird sehr groß und hat rote Flecken am Stiel) oder dem Taumelkälberkropf (Flecken am Stiel und Verdickung an Stängelachsen) verwechselt werden. Wer sich unsicher ist, sollte immer das dreieckige Stielquerschnitt-Merkmal und den charakteristischen Geruch prüfen. Gefleckter Schierling riecht unangenehm nach Mäuseurin. Im Zweifelsfall lieber stehenlassen oder eine erfahrene Person um Rat fragen! Eine Kräuterwanderung unter fachkundiger Anleitung ist die sicherste Methode, um Giersch zuverlässig zu bestimmen.

Tipps zum richtigen Sammeln

Sammle Giersch nur an unbelasteten Standorten, also nicht direkt an viel befahrenen Straßen, in der Nähe von Industriegebieten oder auf Düngungsflächen. Gesammelte Blätter am besten noch am selben Tag verarbeiten – sie welken schnell und laufen dann braun/schwarz an.

Giersch erkennen und nutzen! Gib ihm ’ne Chance!

Statt dich über Giersch zu ärgern, kannst du ihn einfach… aufessen. Beim nächsten Spaziergang heißt es also: Augen und Nase auf – dieses „Unkraut“ ist nämlich eine echte Bereicherung für deine Küche. Robust, gesund und erstaunlich vielseitig macht er sich nämlich ganz gut auf dem Teller. Also schnapp dir ein paar Blätter und gib ihm eine Chance – Giersch könnte dich ziemlich überraschen.

Viel Spaß beim Ausprobieren und guten Appetit!


Bildnachweise

Alle Bilder sind von mir selbst fotografiert und dürfen nur nach meiner Zustimmung von Dritten genutzt werden.

Quellen

Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann, Roland Spiegelberger, Enzyklopädie, Essbare Wildpflanzen, AT Verlag 2020, 14. Auflage 2023, S. 126.

Wichtige Hinweise

Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit und reagiert auf die Pflanzen die uns umgeben ganz einzigartig. Daher sollten Allergiker besondere Vorsicht walten lassen. Grundsätzlich weise ich daher darauf hin, dass der Genuss von Wildpflanzen bei empfindlichen Menschen Allergien auslösen können. Wenn du damit noch keine Erfahrung gemacht hast, oder dir unsicher bist, probiere erstmal kleine Mengen aus und beobachte, wie du darauf reagierst. Wenn dein Körper darauf nicht negativ reagiert, kannst du die Portion von Mal zu mal steigern, bis du dir ausreichend sicher sein kannst, dass du diese ganz besondere Pflanze verträgst.

Alle publizierten Inhalte in diesem Artikel sind sorgfältig recherchiert, in meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin erlernt und nur als Anregung und zur Unterhaltung gedacht. Sie können den Arztbesuch nicht ersetzen, den ich bei körperlichen Beschwerden immer empfehle. Kräuter, Bäume und Pilze, die ich hier vorstelle, sammle und verarbeite ich für den Eigengebrauch. Bei Zweifel oder Unsicherheiten rate ich, sich an Experten, gerne an mich, zu wenden oder im Rahmen einer Wildkräuterwanderung unter Aufsicht des Kräuter- und Pilzkundigen zu sammeln. Im Zweifel stehen lassen.

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