Die Eiche - Kraftbaum, Mythologie und Naturwissen

Manche Bäume sieht man – anderen begegnet man. Die Eiche gehört zweifellos zu jenen stillen Wesen, die mehr sind als „halt auch nur ein Baum“. Sie erzählt von Zeit und Beständigkeit, von Wissen und Heilkunst, von Mythen, Verträgen und trotzigem Durchhalten. In diesem Artikel nehme ich dich mit zu einer alten Eiche an einem See – einem Ort der Ruhe, Kraft und Erinnerung – und von dort auf eine Reise durch Naturbeobachtung, altes Naturwissen und jahrtausendealte Überlieferungen.

Du erfährst, warum Eichen uns seit Urzeiten begleiten, wofür ihr Holz, ihre Rinde und ihre Früchte genutzt wurden, welche erstaunlichen Anpassungsstrategien sie entwickelt haben und weshalb sie selbst im Winter oft an ihren Blättern festhalten. Gleichzeitig tauchen wir ein in Mythen, Volksglauben und eine alte Geschichte, die erklärt, warum Eichen und Buchen dem Teufel bis heute trotzen.

Ein Artikel zum Lernen und zum Träumen – für alle, die alte Bäume nicht nur anschauen, sondern ihnen auch zuhören möchten. 🌳

Inhaltsverzeichnis

Weißt du noch? - Geschichten zum Träumen

Begegnung mit einer alten Eiche - Naturwissen beginnt mit Wahrnehmung

Wie ich bereits in meinem JAHRESRÜCKBLICK 2025 berichtet habe, zieht es mich regelmäßig zu einer alten Eiche, die majestätisch an einer Weggabelung an einem See steht. Auf einem Spaziergang im Februar 2025, ist mir die Eiche das erste Mal aufgefallen. Sie hat einen mächtigen Stamm umhüllt mit ihrer typischen durchfurchten Rinde. Sie hat nur noch wenige Äste, trotzdem nahm ich damals eine große Kraft wahr. Ihre stoische Ruhe, mit der sie so dastand, beeindruckte mich ab dem ersten Moment.

Als ich ihr näherkam, sah ich, dass sie in ihrer Rinde mehrere kleine Löcher hatte. Ich konnte nicht einordnen, ob sie von einem Specht, oder von Holzwürmern waren. Ich habe sie umrundet und mein Ohr an Ihrer Rinde gelegt. Erst hörte ich ein Knistern, obwohl sie sich im Februar eigentlich in der Winterruhe befinden müsste. Dann nahm ich nur noch Stille wahr, die mich wie magisch beruhigte. Immer wenn ich in dieser Gegend auf Streifzug gehe, statte ich ihr seit diesem Moment einen Besuch ab. Dabei lehne ich mich an sie, horche in sie hinein und spüre, wie Kraft in mich fließt.

Ich, wie ich an der alten Eiche stehe und in ihr Blätterdach schaue

Weißt du schon? Geschichten zum Lernen

Naturwissen Eiche: Höchstalter und Arten

Oft habe ich mich gefragt, woher Eichen diese ungeheuer starke Ausstrahlung haben. Altes Naturwissen brachte mich zu dieser Erkenntnis: Das mag wohl daran liegen, dass Eichen Jahrhunderte, sogar 1000 Jahre alt werden können und uns Menschen schon seit Urzeiten auf der Erde begleiten. Derzeit gibt es bis zu 500 unterschiedliche Eichen-Arten. In West- und Mitteleuropa sind die Stieleiche, die Trauben-Eiche und der amerikanische Neubürger, ein sogenannter Neophyt, die Rot-Eiche (BAUM DES JAHRES 2025) geläufig. (Was ein Neophyt ist, habe ich bereits im Artikel zur TOPINAMBUR beschrieben. Schau mal rein, indem du den Link anklickst.)

Herbstblatt einer Roteiche auf grauem Hintergrund
Blatt einer Roteiche in Herbstfärbung

Warum die Eiche so langlebig ist

Eichen versorgen die Menschen mit äußerst wertvollem Holz, das aufgrund der vielen enthaltenen Gerbstoffe als besonders langlebig gilt. Denn einerseits sorgen die Gerbstoffe für Fraßschutz, wie z.B. gegen Holzwürmer oder Wildverbiss, andererseits wehren sie auch Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze ab. Eben diese Gerbstoffe waren aber auch besonders zur Haltbarmachung von Leder geschätzt. Eigens dafür wurden daher in manchen Gegenden sogenannte Lohewälder für die Gerbereien angepflanzt. Auch in meinem Artikel zur ERLE habe ich bereits über dieses wertvolle Naturwissen berichtet.

Eicheln als Nahrung – fast vergessenes Wildpflanzenwissen

Trotz der Gerbstoffe sind auch die Früchte der Eiche, die Eicheln, lange ein Grundnahrungsmittel gewesen, denn sie enthalten einen hohen Gehalt an Kohlenhydraten (50 – 60 %), Proteinen (7-8 %) und Fetten. Dazu kommen wertvolle Spurenelemente und Flavonoide. Denn sie können roh genossen, als Mehl vermahlen, wie Maronen geröstet, zu Kaffee aufgebrüht oder sogar nach einem Rezept, wie diesem HIER (Renate Blaes), zu Süßspeisen verarbeitet werden. Da die Früchte der einheimischen Eiche-Arten allerdings auch sehr Gerbstoffhaltig und damit sehr bitter sind, müssen sie vor der Weiterverarbeitung mehrmals gekocht und mit Wasser gespült werden. Es soll wohl zwischen 3 bis sechs Kochrunden zu jeweils 10-15 Minuten benötigen, bis der Gerbstoffgehalt auf ein erträgliches Maß reduziert ist.

Heilwirkung der Eiche – Gerbstoffe und ihre Anwendung

Auch in der Heilkunde werden die entzündungshemmenden sowie blutstillenden Eigenschaften der Eiche sehr geschätzt. Dazu werden u.a. Tees, Auszüge oder Mazerate aus Rinde, Blättern und Knospen hergestellt werden. Diese können gegen Parasitenbefall, Durchfallerkrankungen, Schleimhaut- und Mandelentzündungen sowie entzündliche Beschwerden der Augen, im Vaginalbereich und bei Hämorrhoiden eingesetzt werden.

Loslassen? Fehlanzeige! - Eichen behalten ihre Blätter

Es gibt eine Eigenschaft, die die Eichen und auch die Buchen (,denn sie gehören der gemeinsamen Pflanzenfamilie der Buchengewächse an) insbesondere auszeichnet. Ist dir schonmal aufgefallen, dass die Eiche und die Buche selbst im Winter lange ihre braunen Blätter behalten? Erst, wenn im Frühling die neuen frischen Blätter nachwachsen, werfen beide Bäume auch die letzten Blätter des Vorjahres ab.

Warum die Eiche das ganze Jahr über Blätter trägt?

Naturwissenschaftlich bezeichnet man diese Eigenschaft als Marceszens. Zum einen hilft sie, dem Baum, Nährstoffe zu speichern. Denn die abgestorbenen Blätter enthalten noch einige wertvolle Reststoffe. Wenn sie dann im Frühjahr auf den Boden fallen und zersetzt werden, können diese Reststoffe wieder aufgenommen und genutzt werden. Zum anderen bietet diese Taktik Schutz vor Frost, da sie für Isolierung sorgen und damit Knospen und junge Zweige vor Frostschäden bewahren. Des Weiteren wird die Verdunstung reduziert und die abgestorbenen Blätter macht den Baum weniger attraktiv für Fraßfeinde. Unter schwierigen Klimabedingungen und dem Aspekt der effektiven Ressourcennutzung ist das Behalten der Blätter im Winter daher eine durchaus wirkungsvolle Anpassungsstrategie.

Eichenblätter im Frost, Naturwissen einfach erklärt
Eichenblätter bei Frost

Hokuspokus? - Überlieferungen, Mythologie, Brauchtum

Die Eiche in Mythologie und Brauchtum

Ob diese besondere Eigenschaft für die Völkerübergreifende Verehrung der Eiche führte, ist nicht überliefert. Die Eiche galt bei den Kelten schon als ein heiliger Baum der Druiden. Sie nannten sie ehrfürchtig „Druir“, woher sich der Name „Druide“ ableitete. Druiden wiederum hielten die von ihr gesammelten Misteln für besonders wertvoll und feierten in ihren heiligen Hainen religiöse Feste. Bei den Germanen wurde sie „Fürst der Wälder“ genannt. Für die Gallier galten Eichenwälder als heilige Orte in denen sie den stärksten und größten Eichen Opfer darbrachten. Auch im antiken Griechenland spielte die dort heimischen Eichen-Arten eine bedeutende Rolle. Dort gab es das dem Gott Zeus gewidmetes Eichen-Orakel zu Dodona in Nordgriechenland, eines der ältesten hellenischen Orakel. Aus dem Rauschen ihrer Blätter deuteten die Priester den Willen der Götter. Die Römer widmeten den Baum dem Gott Jupiter.

Zumindest die folgende Geschichte, zeugt davon, dass diese Einzigartigkeit der Eiche nicht unbemerkt blieb. Denn es nur wenige Bäume im Wald , die ihre Blätter erst sehr spät abwerfen. Für dieses Naturschauspiel wurde laut Volksmund folgende Erklärung gefunden:

Als die Eiche dem Teufel trotzte

Ein armer Bauer verliebte sich in das schönste Mädchen des Dorfes und wollte sie gerne heiraten. Leider wies ihr Vater den Antrag des Bauern ab, da dieser seine Tochter nicht in Armut verheiraten wollte. Das machte den Bauern sehr traurig und er klagte tief im Wald unter einer großen alten Eiche sein Leid. Der Teufel wurde auf den klagenden Bauern aufmerksam und er sprach ihn an: „Weine nicht. Dein Geldproblem bekommen wir doch sicher schnell gelöst. Ich kann dir dabei helfen und es kostet dich nur eine kleine Gegenleistung. Heirate deine Liebste. Du hast bis zum nächsten Herbst Zeit. Wenn in diesem Wald das letzte Blatt von den Bäumen gefallen ist, treffen wir uns hier unter dieser Eiche wieder und du überlässt mir deine Seele.“

Der arme Mann wusste sich nicht anders zu helfen und schlug in die ausgestreckte Hand des Teufels ein. Was hatte er schon zu verlieren?

Die Eiche lauschte dem Gespräch schweigend und dachte bei sich: „Wart’s ab! Der junge Mann suchte nicht umsonst unter meinem Blätterdach Schutz. Der arme Tropf wusste gar nicht, wie ihm geschah. Diesem fragwürdigen Geschäft werde ich einen Riegel vorschieben.“

Flux verließen Bauer und Teufel, beide mit dem Handel zufrieden, den Wald. Es dauerte auch nicht lange, als der Bauer eine beträchtliche Erbschaft von einem kinderlosen entfernten Onkel erhielt. Davon konnte er in kürzester Zeit Haus und Hof auf Vordermann bringen. Damit beeindruckte er den Vater des Mädchens und dieser gab ihm seine schöne Tochter zur Frau. Sie feierten ein rauschendes Fest und lebten glücklich und zufrieden. Die Wochen und Monate vergingen. Der Hof des Bauern gedieh und brachte eine gute Ernte ein. Doch schon bald nach den ersten Ernten färbte der Herbst das Laub in den schönsten Farben. Nach den ersten kalten Tagen fielen auch schon die ersten Blätter von den Bäumen.

Das nahm der Teufel zum Anlass, wieder die alte Eiche aufzusuchen. Doch der Bauer war nicht da. Wütend ging er zu ihm, zerrte ihn vom Feld, auf dem er noch erntete, zur Eiche und verlangte die Einlösung des geschlossenen Vertrages. Dem Bauer fiel da siedend heiß das Versprechen wieder ein. Er wollte aber seine Frau, mit der er sehr glücklich war, nicht einfach so mir nichts dir nichts verlassen. Er sah sich Hilfe suchend um und bemerkte, dass an der Eiche noch Laub hing. Es war zwar schon braun und vertrocknet, aber es hing weiterhin am Baum.

Darauf zeigte er und sprach: „Du bekommst meine Seele, wenn auch das letzte Blatt von den Bäumen gefallen ist. So war es vereinbart. An der Eiche hängen aber noch Blätter.“ Ungeduldig rief der Teufel den Herbststurm herbei, dass dieser durch die Eiche fahren und die Blätter lösen sollte. Doch die Blätter der Eiche rührten sich nicht.

Monat für Monat kam der Teufel zurück. Der Winter war hart. Stürme fegten durch den Wald, Frost überzog die Äste mit Eis, Schnee legte sich schwer auf Blätter und Zweige. Vor Angst warfen die umstehenden Bäume ihre letzten Blätter ab – doch die Eiche blieb standhaft.

Bis in den Frühling bedrängte der Teufel die Eiche. Ihre Blätter waren nun ledrig, zerzaust und kraftlos. Nach und nach fielen sie im warmen Frühlingswind zu Boden. Als auch das letzte Blatt segelte, ging der Teufel triumphierend zum Bauern. Dieser bestellte gerade sein Feld für die neue Saat. Als der Teufel ihn packte und erneut zur Eiche zerrte, blickte der Bauer um sich – und sah die zarten grünen Blätter an Erlen, Hasel, Birke, ja selbst an der Eiche.

„Abgemacht war“ sagte er ruhig, „dass ich dir meine Seele überlasse, wenn  hier im Wald keine Blätter mehr an den Bäumen hängen. Versprochen ist versprochen. Aber sieh dich doch nur um!“ Nun bemerkte auch der Teufel die zarten grünen Blätter an den Bäumen. Vor lauter Wut hieb er auf die Blätter der Eiche ein und kratzte mit seinen Klauen tiefe Furchen in ihre Rinde.  Diese Spuren, so erzählt man sich, sind bis heute zu sehen.

Aus Trotz – und zur Warnung – behalten Eichen und junge Buchen seit jener Zeit ihre Blätter über den Winter. Sie lassen sie erst los, wenn im Frühjahr neues Leben erwacht.

Eine stille Einladung zum Innehalten

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Naturwissen, Geschichte und stiller Präsenz, die die Eiche so besonders macht. Sie lehrt uns Geduld in einer schnellen Welt, Standhaftigkeit in stürmischen Zeiten und Vertrauen in die eigenen Wurzeln. Während sie Jahr für Jahr Wind, Frost und Hitze trotzt, steht sie unbeirrbar da – nicht laut, nicht fordernd, aber voller Würde.

Ich liebe es, diese alten Baumriesen auf mich wirken zu lassen. Wenn du das nächste Mal einer alten Eiche begegnest, halte doch auch einen Moment inne. Lehne dich an ihren Stamm, lausche der Stille unter ihrem Blätterdach und spüre, was sie dir vielleicht erzählen möchte. Denn manchmal sind es nicht Worte, sondern immer wieder das Wunder „Natur“, das uns am tiefsten berührt – und uns daran erinnert, dass auch wir Teil dieses uralten Kreislaufs sind. 🌿

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Bild 3 und 4: Rezept-Karten, von mir selbst erstellt und aufgenommen.

Bilder aktuell erwerbbar bei: : shutterstock

Quellen

Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann, Roland Spiegelberger, Enzyklopädie, Essbare Wildpflanzen, AT Verlag 2020, 14. Auflage 2023, S. 381 f..

Christophe de Hody, Unsere Bäume und was sie uns Gutes tun, Frederking & Thaler Verlag in der Bruckmann Verlag GmbH, 2020, S. 17 ff..

www.nabu.de

www.floristikhaenni.ch

www.wein-taverne.com

www.deutschlandfunkkultur.de

Wichtiger Hinweis an alle

Alle publizierten Inhalte in diesem Artikel sind sorgfältig recherchiert, in meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin erlernt und nur als Anregung und zur Unterhaltung gedacht. Sie können den Arztbesuch nicht ersetzen, den ich bei körperlichen Beschwerden immer empfehle. Kräuter, Bäume und Pilze, die ich hier vorstelle, sammle und verarbeite ich für den Eigengebrauch. Bei Zweifeln oder Unsicherheiten rate ich, sich an Experten, gerne an mich, zu wenden oder im Rahmen einer Wildkräuterwanderung unter Aufsicht des Kräuter- und Pilzkundigen zu sammeln. Im Zweifel stehen lassen.

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