Die Brennnessel – Heilpflanze, Nährstoffbombe und Küchentalent

Wer hat als Kind keine schlechten Erfahrungen mit Brennnesseln gemacht? Du nicht? Dann halte dir jetzt lieber die Ohren zu bzw. lies nicht weiter. Oder besser doch, zur Vorwarnung.

Ich habe als Kind viel Zeit auf einem Zeltplatz verbracht und bin am liebsten über das Gelände gestreift. Einmal war ich unvorsichtig und bin im Sommer, bekleidet mit T-Shirt (damals hieß es noch Nikki bei uns, hihi) und kurzen Hosen, in der Nähe eines Brennnesselfeldes gestolpert. Ich fiel mitten hinein. Ich hatte am ganzen Körper Quaddeln von den Brennhaaren, die tagelang bei jeder Berührung schmerzten und brannten. Damals eine schlimme Erfahrung – die ich allerdings in der Grundschule gegen rüpelige Jungs für mich zu nutzen wusste. Irgendwann hatte ich herausgefunden, dass die Brennnessel bei einem beherzten Griff an Blätter und Stängel nicht brannte. Daher pflückte ich im Fall der Fälle eine Brennnessel kurz vor dem Boden und hielt sie vor mich, wie ein Schwert. Was meint ihr, wie schnell die Rüpel das Weite suchten.

Meine unschöne Begegnung mit ihr nehme ich heute überhaupt nicht mehr übel. Ganz im Gegenteil. Ich freue mich sogar, wenn ich nicht vorsichtig genug beim Sammeln bin und doch den einen oder anderen Stich abbekomme – das soll gegen Gicht helfen.

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Die Brennnessel

Warum die Brennnessel brennt und wie du sie trotzdem anfassen kannst

Die Brennnessel heißt so, weil sie über und über mit kleinen Brennhaaren versehen ist, die mit einem Gemisch aus Ameisensäure, Histamin und Acetylcholin gefüllt sind. Bei unbedachter Berührung brechen diese Haare ab, die austretende Flüssigkeit verursacht auf der Haut einen brennenden Ausschlag, der noch Tage später spürbar ist.

Dabei lässt sich das Brennen mit ein paar Tricks umgehen:

  • Greift man Blätter und Stängel beherzt und fest an, brechen die Brennhaare ab, ohne in die Haut zu stechen.
  • Streicht man die Blätter von unten nach oben mit leichtem Druck gegen die Finger bzw. Hand, werden die Brennhaare ebenfalls unschädlich gemacht, weil die Spitzen dann nicht mehr in die Haut stechen können.
  • Wer ganz sicher gehen will, etwa weil er die Blätter probieren möchte, rollt sie kurz zwischen Daumen und Zeigefinger zu einem Knäuel. Dann sind auch die hartnäckigsten Brennhaare abgebrochen.

Dieses Wissen nutze ich bis heute – nicht mehr gegen Rüpel, aber wenn ich auf Sammeltour bin und Brennnesseln finde: Dann pflücke ich beherzt ein paar Blätter oder kneife mir die frischen Spitzen ab.

Sicher erkennen: Verwechslungsgefahr mit der Taubnessel

Wer die Brennnessel zum ersten Mal sammeln möchte, sollte sie sicher von z.B. der Purpurroten oder der weißen Taubnessel unterscheiden können, mit der sie optisch leicht verwechselt wird, obwohl beide Pflanzen nicht einmal miteinander verwandt sind und unterschiedlichen Familien angehören.

Brennnessel und Taubnessel im Vergleich

So lassen sie sich auseinanderhalten:

  • Brennhaare: Das wichtigste Merkmal. Während die Brennnessel durch ihre Brennhaare bekannt ist, kann man die Taubnessel ganz unbedenklich anfassen.
  • Größe und Wuchs: Die Brennnessel wird mit bis zu 150 cm deutlich größer und wächst robust und aufrecht. Taubnesseln bleiben kleiner, die Purpurrote Taubnessel etwa 10–35 cm, die Weiße Taubnessel 20–70 cm.
  • Blüten: Die Brennnessel hat kleine, unscheinbare flaumig weiße weibliche und gnubbelige, mit einer Staubexplosion aufbrechende männliche Blüten. Die Taubnessel dagegen zeigt auffällige weiße, pinke oder rosalila, lippenartige Blüten. Siehst du solche Blüten, ist es mit Sicherheit keine Brennnessel.
  • Blütezeit: Taubnesseln blühen schon ab dem Frühjahr bis in den Oktober. Brennnesseln blühen meist später, von Juni bis Oktober.

Im Zweifel hilft der vorsichtige Grifftest mit den oben beschriebenen Techniken: Brennt es, ist es eine Brennnessel.

Männlich oder weiblich? So unterscheidest du Brennnessel-Blüten 

Spannendes Spezialwissen liefert dabei ein Blick auf die Blüten selbst: Die Brennnessel ist zweihäusig, das heißt, es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Die Blüten beider sind so unscheinbar, dass sie von Insekten kaum angeflogen werden, macht aber nichts, denn die Brennnessel wird vom Wind bestäubt. Die weiblichen Blüten sind weiß und flaumig und fangen wie kleine Puschel den umherfliegenden Pollen der männlichen Pflanzen ein. Die männlichen Blüten sehen geschlossen wie kleine Kügelchen aus und haben einen besonderen Mechanismus: Sie blühen nicht langsam auf, sondern explodieren regelrecht und schleudern beim Aufplatzen ihren Pollen heraus. Das lässt sich gut beobachten, wenn du mit dem Finger darüberstreichst. Bei Berührung platzt eine Blüte auf, und es entsteht eine kleine Pollenwolke, die vom Wind weitergetragen wird.

Vitamine, Mineralstoffe und Heilwirkung: Warum die Brennnessel so wertvoll ist

Diese Nährstoffe stecken in der Brennnessel

Die Brennnessel wächst in Wäldern und Gebüschen, an Wegrändern, auf Geröll- und Schutthalden und bildet oft ausgedehnte Bestände. Ein typisches „Unkraut“. Doch diese Bezeichnung verkennt tatsächlich, wie viele gesunde Nährstoffe sie beherbergt. Sie enthält Phenolcarbonsäuren, Flavonoide, Fett und Kohlenhydrate. Frisch verwendet ist sie sehr mineralstoffreich und enthält insbesondere viel Magnesium, Kalium, Eisen und Silizium in Form der löslichen Kieselsäure, ist reich an Eiweiß und enthält die Vitamine A, C und E. Bezüglich des Mineralstoff- und Vitamingehalts übertrifft sie den Kopfsalat bei Weitem. Die Wurzeln enthalten darüber hinaus Lektine, Sterole, Cumarine, Lignane und Fettsäuren. Die gesamte Pflanze enthält Enzyme und pflanzliche Hormone (Phytohormone), die unter anderem eine krebsvorbeugende Wirkung haben. Brennnesseln senken den Blutzuckerspiegel, hemmen Entzündungen und lindern Prostatabeschwerden. Ihre Samen enthalten ca. 30 % fettes Öl (besonders Linolsäure), Schleimstoffe, Carotinoide und weisen einen bis zu 0,1 % hohen Vitamin-E-Gehalt auf.

Heilwirkung und Anwendung in der Volksmedizin 

Die ganze Pflanze, einschließlich Samen und Wurzeln, kann arzneilich verwendet werden, unter anderem zur Behandlung von rheumatischen und Verdauungsbeschwerden. Die leicht harntreibenden Effekte wirken positiv bei Nierenleiden. Laut volksmedizinischen Belegen regt sie die Blutbildung an und sorgt für eine Erhöhung der Enzymproduktion der Bauchspeicheldrüse und bei Gallenerkrankungen. Die blutreinigende und entgiftende Wirkung wird insbesondere bei Frühjahrskuren geschätzt. Sie als „Unkraut“ zu bezeichnen, wird ihr also einfach nicht gerecht. Sie ist ein wahres Superfood, das zu einer gesunden Ernährung beitragen kann.

Von der Wiese auf den Teller – Sammelzeit und Verwendung in der Küche

Die beste Sammelzeit für junge Sprosse und Blätter sind die Monate März und April. Später im Jahr pflückt man nur noch die obersten 4–6 Blätter und die Triebspitzen. Die Erntereife der Samen beginnt im Spätsommer und endet im Frühherbst, etwa von August bis Oktober, wenn die weiblichen Blütenstände braun und trocken geworden sind.

In meiner Wildkräuterküche hat sich die Brennnessel schon längst einen festen Platz verdient. Ihre vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten machen sie nämlich zu einer geschätzten Zutat in der Küche.

Getrocknet als Pulver und Topping 

Eine Verwendungsmöglichkeit von Brennnesselspitzen: einfach trocknen und im Mörser oder einer Kaffeemühle zu Pulver mahlen. Über Müsli gestreut oder zu Kräuterbutter verarbeitet, ist dieses Pulver ganzjährig je nach Bedarf einsetzbar. Auch die Samen der weiblichen Brennnessel lassen sich getrocknet nutzen. Sie sind echte Proteinbomben und können wie ein Topping über Müsli gestreut werden.

Frisch verarbeiten – von der Suppe bis zum Nudelteig 

Ihre jungen Blätter und Triebe können zu einem leckeren Gemüse verarbeitet werden. Bekannt ist ihre Verarbeitung zur traditionellen Brennnesselsuppe, außerdem verfeinert sie Knödel-, Gnocchi- und Nudelteige geschmacklich. Oder sie wird ganz einfach mit etwas Zwiebel oder Knoblauch wie Spinat gedünstet. Nur Brennnessel als Spinat gekocht, schmecken ziemlich bitter, meiner Familie zum Beispiel. Wer Bitterstoffe nicht so schätzt wie ich, kombiniert sie am besten mit milderen Wildpflanzen, wie Melde zum Beispiel oder gibt sie nur als Zugabe zum üblichen Spinat dazu. Es gibt allerdings ein Rezept, das sogar meiner Familie schmeckt: eine Brennnessel-Quiche. Ursprünglich von meiner Dozentin in der Ausbildung zur Kräuterpädagogin, Anna Schuster von Pimpinella Lab, entwickelt, habe ich ihr Rezept für eine Brennnessel-Tarte etwas abgewandelt. Mein Rezept findest du in meinem Artikel “Brennnessel-Quiche: Mein neues Lieblingsrezept mit Wildkräutern”, den ich anlässlich meiner Wildkräuterrezepteparade veröffentlicht habe.

Fazit: Die Brennnessel verdient mehr Respekt und mehr Platz auf deinem Teller

Vom Schreckmoment auf dem Zeltplatz bis zur festen Größe in meiner Wildkräuterküche hat sich meine Beziehung zur Brennnessel komplett gedreht. Wer einmal verstanden hat, wie man sie sicher anfasst und erkennt, verliert schnell die Scheu vor dieser Pflanze. Und wer ihre Inhaltsstoffe kennt, versteht, warum sie alles andere als ein lästiges Unkraut ist: ein nährstoffreiches, vielseitig einsetzbares Superfood direkt vor der Tür. Probiere sie gerne selbst aus als Tee, Suppe oder in meiner Brennnessel-Quiche. Du wirst überrascht sein, wie lecker „Unkraut“ schmecken kann.


Bildnachweise

Alle Bilder sind von mir selbst aufgenommen und dürfen nur nach meiner Zustimmung von Dritten verwendet werden. SIe sind teilweise erwerbbar bei: shutterstock.

Quellen

Dr. Eva-Maria Dreyer, Essbare Wildkräuter & ihre giftigen Doppelgänger, Wildkräuter sammeln, aber richtig, Kosmos Verlag 2020, S. 36.

Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann, Roland Spiegelberger, EnzyklopädieEssbare Wildpflanzen, AT Verlag 2020, 14. Auflage 2023, S. 249.

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Wichtige Hinweise

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei ernsthaften Beschwerden oder Erkrankungen wende dich bitte an einen Arzt oder eine Ärztin.

Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit und reagiert auf die Pflanzen die uns umgeben ganz einzigartig. Daher sollten Allergiker besondere Vorsicht walten lassen. Grundsätzlich weise ich daher darauf hin, dass der Genuss von Wildpflanzen bei empfindlichen Menschen Allergien auslösen kann. Wenn du damit noch keine Erfahrung gemacht hast, oder dir unsicher bist, probiere erstmal kleine Mengen aus und beobachte, wie du darauf reagierst. Wenn dein Körper darauf nicht negativ reagiert, kannst du die Portionen von Mal zu mal steigern, bis du dir ausreichend sicher sein kannst, dass du diese ganz besondere Pflanze verträgst.

Alle publizierten Inhalte in diesem Artikel sind sorgfältig recherchiert, in meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin erlernt und nur als Anregung und zur Unterhaltung gedacht. Sie können den Arztbesuch nicht ersetzen, den ich bei körperlichen Beschwerden immer empfehle. Kräuter, Bäume und Pilze, die ich hier vorstelle, sammle und verarbeite ich für den Eigengebrauch. Bei Zweifel oder Unsicherheiten rate ich, sich an Experten, gerne an mich, zu wenden oder im Rahmen einer Wildkräuterwanderung unter Aufsicht des Kräuter- und Pilzkundigen zu sammeln. Im Zweifel stehen lassen.

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